Stuttgart erlebt Gewaltexzess

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Sachschäden an 40 Läden, 19 verletzte Polizisten, 24 vorläufige Festnahmen: Das ist die Bilanz einer Schreckensnacht. Die Partyszene geriet außer Rand und Band.

Von Peter Reinhardt
Mit einem Großaufgebot war die Polizei vor Ort.
Fotos: dpa
Mit einem Großaufgebot war die Polizei vor Ort. Fotos: dpa  Foto: Julian Rettig

Nur noch wenig erinnert am Sonntag zur Mittagszeit auf der Stuttgarter Einkaufsmeile an die bürgerkriegsähnlichen Szenen der vorangegangenen Nacht. Sperrholzplatten verschließen notdürftig die Fronten von ein paar Handy- und Schuhläden. In der Fußgängerzone liegt ein aus seiner massiven Bodenverankerung herausgerissener Abfalleimer. Die Stuttgarter Müllabfuhr hat da bereits wieder ihren legendären Ruf bestätigt und die Verwüstungen bis auf ein paar Scherbenhäufchen beseitigt.

Polizist von hinten angesprungen

Mehrere Hundert junge Leute waren Stunden zuvor durch die Fußgängerzonen gezogen, hatten mit Pflastersteinen Schaufenster zertrümmert, Polizeiautos mit Stühlen und Eisenstangen attackiert und sogar Läden geplündert. Videos von Privatleuten zeigen, wie ein Mann mit Anlauf einen Polizisten von hinten anspringt und mit den Füßen traktiert. "Das ist eine nie dagewesene Dimension von Gewalt", sagt Stuttgarts Polizeipräsident Franz Lutz am Nachmittag.

Lutz und sein Vize Thomas Berger als Einsatzleiter ziehen im Rathaus eine Bilanz des Schreckens. An 40 Läden gab es Sachschäden, neun davon wurden - laut Berger in verschiedenen Stufen - geplündert. Da seien weitere Ermittlungen notwendig. 19 Polizisten wurden verletzt, meist trugen sie Prellungen und Schürfwunden davon, einer musste mit einer Handverletzung ins Krankenhaus. Der von hinten angegangene Kollege sei ohne körperliche Schäden geblieben, die seelische Dimension einer solchen Attacke stehe auf einem anderen Blatt. Zu 24 vorläufigen Festnahmen kam es in der Nacht, sieben sollten noch am Sonntag dem Haftrichter vorgeführt werden.

Einen politischen Hintergrund für die Eskalation der Gewalt schließt Lutz aus. Er beschreibt eine eher spontane Entwicklung, für die die Polizei nicht ausreichend gerüstet war, obwohl sie nach den Erfahrungen mit einer steigenden Aggressivität der Partyszene in den vergangenen Wochen schon für diese Samstagnacht die Zahl der Beamten in der Stuttgarter Innenstadt auf 200 verdoppelt hatte. Der Auslöser war kurz vor Mitternacht die Kontrolle eines 17-Jährigen wegen eines offenkundigen Drogendelikts am Eckensee zwischen Staatstheater, Landtag und neuem Schloss.

Insgesamt 500 Gewaltbereite finden sich zusammen

 Foto: Simon Adomat

Nach Bergers Darstellung solidarisierten sich sofort zwischen 200 und 300 der Feiernden. Sie hätten die Polizisten "massiv mit Flaschen und Steinen beworfen". Die Auseinandersetzungen verlagerten sich schnell auf den benachbarten Schlossplatz, wo die Menge auf 500 Menschen anwuchs. Sogar ein Sanitätsteam wurde bei der Behandlung eines Verletzten attackiert.

Lutz zeichnet ein erschreckendes Bild: "Die Partyszene betrinkt sich in der Öffentlichkeit und inszeniert sich in den sozialen Medien. Dazu gehört aggressives Tun gegen die Polizei und andere Einsatzkräfte." Schon vor vier Wochen habe man den Kleinen Schlossplatz unter massivem Einsatz von Kräften geräumt. Aber mit einer weiteren Eskalation habe niemand gerechnet. Stuttgarts OB Fritz Kuhn (Grüne) beschreibt das Phänomen so: "Ein Grund wird Alkohol sein, ein anderer die Sucht, in sozialen Medien mit Filmchen zu kommen."

Heilbronner Polizei im Einsatz

Die Ausschreitungen in der Stuttgarter Innenstadt in der Nacht zum Sonntag wirkten sich bis nach Heilbronn aus. Um die Randale in den Griff zu bekommen, rückten Beamte des Heilbronner Polizeipräsidiums in die Landeshauptstadt aus.

Sie kehrten nach Angaben eines Polizeisprechers unverletzt zurück. Auch die Einsatzfahrzeuge seien nicht beschädigt worden. "Es wurden Polizistinnen und Polizisten des nächtlichen Dienstes aus dem Präsidiumsbereich Heilbronn nach Stuttgart entsandt", sagte der Sprecher. Die Zahl liege im einstelligen Bereich.

"Es wurde darauf geachtet, dass die Sicherheit im Präsidiumsbereich vollumfänglich gewährleistet blieb", erklärte der Sprecher. Auf die Arbeit vor Ort in Heilbronn habe sich der Einsatz nicht ausgewirkt. 

Seehofer-Besuch geplant 

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will sich nach den Ausschreitungen in Stuttgart vor Ort ein Bild von der Lage machen. Dies teilte das baden-württembergische Innenministerium am Montag mit. Innenminister Thomas Strobl (CDU) werde Seehofer um 12 Uhr zu einem Gespräch in seinem Büro treffen. Ab 13 Uhr sei ein Termin vor Ort in der Innenstadt geplant.

 
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