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"Ich halte das für leichtfertig, Sport zugunsten von anderen Fächern abzubauen."

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Ab kommendem Jahr kehren baden-württembergische Gymnasien zu G9 zurück. Der Sportunterricht in der Mittelstufe verliert. Ein Fehler, wie Sportmediziner Professor Jürgen Steinacker im Interview erklärt.

Für Sportmediziner Jürgen Steinacker ist Bewegung in der Schule für die Konzentration und die schulische Leistung sehr wichtig.
Für Sportmediziner Jürgen Steinacker ist Bewegung in der Schule für die Konzentration und die schulische Leistung sehr wichtig.  Foto: Hendrik Schmidt

G9 gilt ab dem kommendem Schuljahr. Die Sportstunden in der Mittelstufe sollen aber nicht erhöht werden. Sportmediziner Dr. Jürgen Steinacker hält das für einen Fehler.

Der Deutsche Sportlehrerverband hält dem baden-württembergischen Kultusministerium vor, den Sportunterricht in der Mittelstufe zu reduzieren. Was halten Sie davon?

Professor Jürgen Steinacker: Ich halte das für leichtfertig, Sport zugunsten von anderen Fächern abzubauen.

Weshalb?

Steinacker: Sportstunden sind sehr wichtig für die Entwicklung der Kinder. Körper und Geist sind eine Einheit. Wir haben es während der Corona-Pandemie gesehen. Ohne Bewegung sind Menschen zum Teil psychisch auffällig oder gestresst. Die Psyche hängt mit der Bewegung zusammen. Wer Sportstunden streicht, darf sich nicht darüber beklagen, wenn Kinder schulisch hinterherhinken.

Das Kultusministerium führt ins Feld, dass andere Fächer wie Demokratiebildung hinzugekommen seien.

Steinacker: Der Sportunterricht hat immer viel Konkurrenz im schulischen Unterricht. Dabei erfüllt Sport viele Aufgaben. Das Gefühl für den Körper und die körperliche Wahrnehmung werden verbessert. Kognition und soziales Verhalten werden trainiert. Und deshalb: Sportunterricht ist für die Demokratiebildung enorm wichtig. Die Jungs und Mädchen lernen, Respekt vor dem anderen zu haben, Rücksichtnahme, Disziplin und Fairness. Das Argument das Fach Demokratiebildung in den Stundenplan rein, Sport raus, greift zu kurz, Sport ist praktischer Unterricht im gesellschaftlichen Fertigkeiten. 

Wie wirkt sich Sport auf Kinder aus?

Steinacker: Beim Sport interagieren die Kinder mit anderen Kindern, sie haben Freude und lernen Regeln. Sport fördert soziale Faktoren wie Rücksichtnahme und Hilfestellung. All das sind Kreuzeffekte, die auch fürs Lernen wichtig sind. Was auch auffällt: Wenn Kinder keinen Sport haben, sind sie während des Unterrichts unruhig. Und körperlich aktive Kinder sind gesünder. Sie werden seltener krank. Die Eltern müssen weniger krankgeschrieben werden, um ihre Kinder daheim zu betreuen. Sie sind dadurch glücklicher und kooperativer.

Nach Meinung des Kultusministerium, können Kinder Bewegung nachmittags oder am Wochenende nachholen. Oder man holt Vereine mit ins Boot.

Steinacker: Letzteres ist nicht so einfach. Die Beteiligung von Vereinen ist eine Chance, das auszugleichen. Sie ist aber noch nicht realisiert. Wenn Vereine in Zukunft mehr mitmachen, wäre es gut. Man muss aber bedenken, dass Kinder außerhalb der Schule sehr wenig Bewegung haben und viele nicht im Verein sind. Viele Kinder erlernen in ihren Familien nicht mehr, wie man sich sportlich bewegt. Die motorischen Fähigkeiten sind schlecht. All das muss im Sportunterricht trainiert werden. Um den Verlust von Kompetenzen zu vermeiden, braucht es den Sportunterricht. Wir wissen, dass die Bewegung der Kinder am Wochenende oder während Ferien runtergeht. 70 Prozent tun dann rein gar nichts, es braucht also die Schule.

Nehmen Kinder das Angebot Vereinssport noch wahr?

Steinacker: In Studien haben wir herausgefunden, dass bei etwa 50 Prozent der Kinder, was das Thema Bewegung anbelangt, alles fast perfekt ist. Das sind die Kinder aus der Mittelschicht. Diese Schüler sind aber nicht entscheidend. Das Problem sind die restlichen Kinder. Wir müssen akzeptieren, dass wir nicht nur Mittelschicht-Kinder haben. Wir müssen die anderen mitnehmen, sonst verlieren wir diese für unsere Gesellschaft.

Die Diskussion dreht sich vor allem um die Mittelstufe im Gymnasium. Wie ist es in den Grundschulen?

Steinacker: Wir haben in der Grundschule einen Migrationsanteil von etwa 30 Prozent in Baden-Württemberg, in manchen Schulen bis 90 Prozent. Deren Eltern leiden häufig unter sozialer Isolation, sind sozial entwurzelt. Diese Kinder können wir nicht kognitiv überlasten. Das gleicht man mit Aktivitäten aus. Hinzu kommt, dass Eltern zum Teil gar nicht mehr wissen, welches Sportangebot sie ihren Kindern machen sollen. Mit unserem Projekt „Komm mit in das gesunde Boot“ unterstützen wir die Bewegungsförderung beginnend von der Krippe bis zur vierten Klasse Grundschule.  

Was beinhaltet das Projekt genau?

Steinacker: Das Projekt soll nachhaltig und spielerisch Einstellungen und Fertigkeiten der Kinder zu Bewegung, gesunder Ernährung und Stressabbau fördern. Dazu gibt es strukturierte Unterrichte und viele andere Aktivitäten, die Lehrer und Erzieher unterstützen, über 150.000 Kinder aus dem Land haben letztes Jahr daran teilgenommen.

Wissenschaftler Professor Dr. Jürgen Steinacker
Wissenschaftler Professor Dr. Jürgen Steinacker  Foto: privat

Wie sieht das in der Praxis aus?

Steinacker: Eine Bewegungspause zum Beispiel. Nach etwa 20 Minuten Unterricht haben die Schüler im Klassenzimmer für drei bis fünf Minuten eine Bewegungspause unter Anleitung des Lehrers. In einem Rollenspiel machen sie ein passende Übungen auf der Stelle, die sich steigern und kommen dann zur Ruhe und sind wieder bereit zum Unterricht, ruhiger und aufmerksam.

Das Medienverhalten der Kinder hat sich in den vergangenen Jahren deutlich verändert. Smartphone und Co. haben die Kinderzimmer erobert. Wie wirkt sich das auf die körperliche Aktivität der Kinder aus?

Steinacker: Die Meinung, dass Soziale Medien Bewegung behindern, stimmt nicht so einfach. Aktive und inaktive Kinder unterscheiden sich im Konsum nicht wesentlich. Natürlich müssen Medienzeiten begrenzt werden und besser bleibt das Handy während der Schule aus, aber der Unterschied ist: Körperlich aktive Kinder können Medien nutzen, und werden davon nicht so sehr beeinträchtigt. Inaktive Kinder haben die Nachteile. Statt ihnen zu verbieten, Handy oder Computerspiele zu nutzen, sollte man lieber Bewegung fördern, also positiv fördern, statt zu verbieten.

 

Zur PersonProfessor Dr. Jürgen Michael Steinacker ist Facharzt für Innere Medizin, Kardiologie, Sportmedizin und Rehabilitationsmedizin. Ein Fokus liegt auf epidemiologischen Projekten der Prävention und Gesundheitsförderung wie dem landesweiten Programm “Komm mit in das gesunde Boot“ Das Projekt hat eine umfassende Gesundheitsförderung für Kinder in Krippen, Kindergärten und Grundschulen in ganz Baden-Württemberg zum Ziel. Der 69-Jährige lebt in Ulm, ist verheiratet, hat keine Kinder und hat am Hohenstaufen-Gymnasium in Bad Wimpfen sein Abitur gemacht

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