Kultusministerium plant neues Sprachprogramm: Kommt die Kita-Pflicht?

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Sprachtest und Förderung: Das Kultusministerium in Stuttgart legt noch keine Details zum neuen Sprachprogramm vor. So ist die Stimmung bei den Kita-Trägern. Auch Grundschulen sehen sich unter Druck.

Das Kultusministerium plant neues Sprachprogramm. Foto: Robert Kneschke/stock.adobe.com
Das Kultusministerium plant neues Sprachprogramm. Foto: Robert Kneschke/stock.adobe.com  Foto: Robert Kneschke

Zuletzt haben Jugendliche an deutschen Schulen bei internationalen Leistungsvergleichen nicht gut abgeschnitten. Tenor war daraufhin stets, dass mehr in der frühkindliche Bildung und in den Grundschulen getan werden muss, damit die Bildungschancen steigen. Für die Erst- bis Viertklässler gibt es bereits in Baden-Württemberg neue Programme, an Kitas soll ein Sprachtest für Viereinhalbjährige sowie bei Bedarf eine verpflichtende Deutschförderung im letzten Kita-Jahr folgen. Dazu gibt es viele offene Fragen. Blicke richten sich auch auf Grundschulen.

Das Kultusministerium will sich aktuell nicht näher zum Sprachprojekt äußern, Gespräche liefen. Es gibt viele offene Punkte: Wenn die Sprachförderung im letzten Jahr zur Pflicht wird, wird der Kita-Besuch ein Muss? Ein solcher Schritt dürfte aber nicht nur für jene Kinder gelten, die in Deutsch gefördert werden, sondern für alle? Wenn das letzte Kita-Jahr gesetzt ist, können Eltern nicht mehr für die Kita-Beiträge zur Kasse gebeten werden. Wer zahlt? Was steckt hinter den Juniorklassen, die vom Ministerium genannt werden? Unserer Zeitung liegt ein Papier aus Stuttgart vor, das die nächsten Schritte aufzeigt. Zunächst soll das Programm "Schulreifes Kind" bis nach den Sommerferien weiterentwickelt werden, ein Jahr später soll der Einstieg flächendeckend erfolgen, ein weiteres Jahr später ausgeweitet werden.

Sprachförderung, damit die Kinder bessere Bildungschancen haben

Eltern begrüßen die Sprachförderung. Der Haken: "Es braucht ausgebildetes Personal", sagt Desina Muth aus Bad Friedrichshall, die zum Vorstand der Landeselternvertretung der baden-württembergischen Kindertageseinrichtungen gehört. Das Kultusministerium habe den Zusammenschluss informiert, es fehlten aber noch Informationen.

Dem Gesamtelternbeirat der Lauffener Kitas fehlen ebenfalls noch Informationen dazu. "Jedoch können wir sagen, dass eine Erhebung der Sprachkenntnisse und eine Feststellung von Handlungsbedarf nur Sinn macht, wenn die personellen, finanziellen und räumlichen Gegebenheiten geklärt sind", so Katharina Herrmann, Georg Resch und Stefanie Himmelsbach in einer E-Mail an stimme.de. "Aktuell haben viele Städte und Gemeinen mit Personalmangel in den Kindergärten zu kämpfen, und das bestehende Personal gerät an die Belastungsgrenze. Qualifizierte pädagogische Fachkräfte werden dringend gesucht, so dass insgesamt der Bereich der frühkindlichen Bildung gestärkt werden muss."

Kommunen warten auf Antworten

Auf Antworten warten auch Kommunen wie Eppingen. Das Rathaus hoffe "auf eine frühzeitige Kommunikation mit dem Ministerium, um eine geregelte Aufgabenverteilung und Durchführung zu ermöglichen", so Verwaltungssprecherin Vanessa Heitz. Schon jetzt sei es "ein kommunaler Kraftakt", den Regelbetrieb in Kita und Schule zu stemmen, "den Platzbedarf zu decken, den Personalschlüssel einzuhalten, Personal zu finden".

Ähnlich ist es in Bad Friedrichshall. Deutsch sicher zu beherrschen ist für Bürgermeister Timo Frey "eine sehr wichtige Voraussetzung für einen Lernerfolg in der Schule", schon jetzt fördern dies die Kitas. Beim neuen Programm ist für ihn unter anderem zu klären: Welche Anforderungen ans Personal gebe es? Sollte das Land den Kitas neue Aufgaben übertragen, müssten diese finanziert werden. "Mit dem vorhandenen ohnehin schon knappen Personal wäre diese anspruchsvolle Aufgabe nicht zu stemmen." Und was ist mit Kindern, die trotz Förderung vor der Einschulung nicht gut Deutsch sprechen? "Sicherlich ist es wenig zielführend, Kinder einzuschulen, die nicht schulreif sind", bezieht sich der Bürgermeister auf ein Zitat von Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne). Das kann seiner Ansicht nach aber nicht automatisch dazu führen, "dass damit der Rechtsanspruch auf weiteren Besuch der Kita verlängert wird, da ansonsten in der Tat Engpässe bei den Kapazitäten der Einrichtungen auftreten könnten und sich eventuell bestehende Wartelisten in einzelnen Einrichtungen unnötig verlängern würden". Timo Frey: "In diesem Fall wäre ein Konzept des Landes Baden-Württemberg erforderlich, wie mit zurückgestellten Kindern zu verfahren ist und welche Betreuungsform hierbei die beste Fördermöglichkeiten bietet."

Sprachförderung soll an Grundschulen weiterlaufen

Die Sprachförderung soll in Grundschulen weitergehen, laut Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) wird es für die erste Weiterentwicklung zeitlich knapp. Ohnehin stehen gerade diese Schulen im Fokus, überzogene Erwartungen hätten laut GEW stellenweise sogar weiterführende Schulen. Barbara Bürgy, Mitglied des GEW-Kreisvorstands Heilbronn und landesweit für Grundschulen in der GEW tätig, bedauert, dass zuletzt die Bildung auf Lesen, Schreiben, Rechnen reduziert worden sei. Es gehöre viel mehr dazu, auch die soziale Entwicklung: Kinder müssten sich ausprobieren, Regeln lernen. "Grundschulen brauchen mehr Ressourcen, Bildung braucht mehr Geld", fordert sie. Für die Gewerkschaft gibt es derzeit zu viele politische Worte ohne konkreten Inhalt. Das Programm Startchancen zählt Harald Schröder dazu, GEW-Sprecher im Kreis Heilbronn.

Aufgrund des Abschneidens bei größeren Leistungsanalysen soll in Grundschulen mehr getestet werden, um bei Kindern den jeweiligen Förderbedarf zu erkennen. Die Umsetzung hakt. Als Beispiel nennt Barbara Bürgy "Kompass 4", dieses Schuljahr freiwillig. Von Kollegen weiß sie, dass beispielsweise in Mathe keine neuen Erkenntnisse herausgekommen seien. Auch in Klassen eins und zwei gibt es Tests, ebenfalls noch freiwillig. Sie fragt: "Wozu braucht man die, wenn es keine Förderung gibt?" Neue Projekte kommen, parallel dazu werde der Bildungsplan weiterentwickelt. Es gebe keine Zeit, einzelne Elemente in den Alltag zu implementieren, sagt sie. Harald Schröder wünscht sich deshalb, dass man Grundschulen grundlegend anschaut, anstatt neue Zusatzfelder aufzubauen: Welche Kompetenzen bräuchten Schüler? "Die Tendenz, Grundschulen mit nicht fertigen Projekten zu überschütten, macht mich fassungslos", ergänzt Barbara Bürgy.

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