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Lange Anklageschrift

Prozess in Mosbach: Bäcker aus Walldürn soll als Life-Coach Frauen missbraucht haben

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Mosbacher Staatsanwälte werfen zwei Brüdern am Montag auf rund 130 Seiten Geiselnahme, Körperverletzung und mehrfache Vergewaltigung vor. Der Prozessauftakt stieß auf großes Medieninteresse. Die Verhandlung findet aber unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Das Landgericht klagt zwei Brüder auch wegen Vergewaltigung an.
Das Landgericht klagt zwei Brüder auch wegen Vergewaltigung an.

Das Medieninteresse am Prozess gegen den selbsternannten Walldürner Psycho-Coach Nikolaus G. und seinen Bruder Christian G. war riesig. Kamerateams und Fotografen nahmen beinahe die gesamte Breite der Zuschauerreihe ein. Am Ende mussten aber alle Journalisten und Zuhörer den Sitzungssaal des Mosbacher Landgerichts wieder verlassen noch bevor der Prozess überhaupt anfing. Zu intime sexuelle Details und die persönlichen Verhältnisse der Opfer nannte Richter Michael Haas als Grund dafür, dass der gesamte Prozess unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden wird.

Prozess in Mosbach: Verlesung der Anklageschrift dauert Stunden

Geiselnahme, besonders schwere Vergewaltigung und schwere Körperverletzung wirft die Staatsanwaltschaft den Brüdern unter anderem vor. Mehr als 300 Seiten umfasst die Anklageschrift insgesamt. Verlesen wurden am ersten Verhandlungstag rund 130 Seiten. "Das dauert mehrere Stunden", sagte der Pressesprecher der Mosbacher Staatsanwaltschaft, Thorsten Zetsche.

Eine immense Zahl mutmaßlicher Straftaten würde darin aufgeführt. Nahezu täglich sei es zu gewaltätigen Übergriffen gekommen. 

Mann Walldürn vor Gericht – Frauen sollen zeitweise Geiseln gewesen sein

Demnach soll der 38 Jahre alten Hauptangeklagte im Zeitraum von September 2019 bis Oktober 2022 sieben Frauen mehrfach sexuell missbraucht und körperlich misshandelt haben. Drei dieser Frauen habe er zeitweise als Geiseln genommen, so die Staatsanwaltschaft. Weitere zwei Frauen, ein Kind und drei Männer einschließlich seines mitangeklagten jüngeren Bruders soll er ebenfalls körperlich misshandelt haben.

Angeklagter nutzte Verletzlichkeit und Unsicherheit aus

Um an junge Frauen heranzukommen, habe der Angeklagte als sogenannter "Life-Coach" seine Coaching-Angebote genutzt. Kam ein Kontakt zustande, habe der Beschuldigte seine mutmaßlichen Opfer systematisch verunsichert. Er habe Frauen zu einem sogenannten "Boot Camp" zur Persönlichkeitsentwicklung in sein Haus in Walldürn eingeladen, wofür sie offenbar Geld bezahlten. Anstatt seine mutmaßlichen Opfer aufzubauen, habe er deren Verletzlichkeit und Unsicherheit genutzt, um deren Widerstand durch verbale Erniedrigungen und schwere Gewaltanwendungen zu brechen und sie wiederholt sexuell zu missbrauchen.

Buch des Angeklagten trägt zynischen Titel

"Der Angeklagte hat gezielt Frauen angesprochen, die leicht manipulierbar sind", so Zetsche. Dafür bezeichnete sich der 38-Jährige selbst nicht nur als "Life-Coach". Er bot auch Gruppenseminare an. Im echten Leben ist der Beschuldigte Bäcker von Beruf. Auf Youtube referiert er aber in Videofilmen über den Weg, Ziele im Leben zu erreichen. Auch auf Instagram ist der Walldürner aktiv. Darüber hinaus hat er Bücher geschrieben. Eines davon ist aktuell noch immer bei Amazon gelistet. Es trägt mit Blick auf die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft den zynischen Titel "Raus aus der Opferrolle: Werde die Persönlichkeit, die du schon immer sein wolltest".

Eine der Frauen, die der Beschuldigte offenbar bei sich zuhause gefangen hielt, schaffte es laut Pressestaatsanwalt Zetsche im Oktober 2022, einen Notruf abzusetzen. Dabei habe sie sich an einen Bekannten in Berlin gewandt. Der habe die Polizei in der Hauptstadt alarmiert. Die Beamten dort gaben die Information an die Kollegen in Mosbach weiter. Noch in der selben Nacht sei die Polizei ausgerückt. Ob der Beschuldigte seine Opfer mit physischer oder psychischer Gewalt festhielt, werde im Laufe der Gerichtsverhandlung geklärt.

Mitangeklagter Bruder ist nicht in Untersuchungshaft

Mit auf der Anklagebank sitzt der 24 Jahre alte Bruder des Hauptbeschuldigten. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft unter anderen Vergewaltigung und gefährliche Körperverletzung sowie Beihilfe zur Geiselnahme vor. Diese Taten seien zwischen März 2021 und Oktober 2022 begangen worden. Aber während der Hauptangeklagte in Untersuchungshaft sitzt, ist der jüngere Bruder auf freiem Fuß. Der Pressestaatsanwalt begründet dies damit, dass beim jüngeren Angeklagten keine Verdunkelungs- oder Fluchtgefahr besteht.

Warum der Prozess in Mosbach hinter verschlossenen Türen geführt wird

Prozesse vor Gericht sind öffentlich. Immerhin sprechen Richter ihr Urteil im Namen des Volkes. Ausnahmen sind Verhandlungen vor dem Jugendgericht. Sie finden meist nichtöffentlich statt. Es können aber auch Prozessteile oder ganze Verhandlungen hinter verschlossenen Türen geführt werden, wenn eine öffentliche Verhandlung dem Schutz und dem Persönlichkeitsrecht des Opfers schaden würde.

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