Powerfrau vom Bau: Julia Schäfer begeistert Millionenpublikum auf Social Media
Die Maurermeisterin aus Kraichtal sprengt Rollenklischees, vereint Gegensätze und erklärt, was für sie auf TikTok, Instagram und Co. absolute No-Gos sind.

Elegant, schlank, lange und gepflegte Haare. Wie ein typischer Bauarbeiter sieht Julia Schäfer nicht gerade aus. Und zack – schon sitzt man mitten in der Klischeefalle. Wer sagt denn, dass man nur als harter Kerl auf der Baustelle etwas reißen kann?
Die 30-Jährige aus Kraichtal-Unteröwisheim beweist auf Social Media das Gegenteil: Auf TikTok, YouTube, Facebook und Instagram gibt die Maurermeisterin unter dem Namen Tschulique Einblicke in ihre Arbeit mit Beton und Bagger. In Summe hat sie auf den Plattformen 1,9 Millionen Follower. Einzelne Beiträge erreichen über acht Millionen Aufrufe. Im Interview spricht die Powerfrau vom Bau über das Sprengen von Rollenbildern, den Beitrag von Eltern zum Fachkräftemangel und was zu viel nackte Haut auf Social Media anrichtet.
Frau Schäfer, "wer so aussieht wie du, arbeitet niemals als Handwerker auf dem Bau". Immer wieder zweifeln User die Glaubwürdigkeit Ihrer Inhalte auf Social Media an. Wie reagieren Sie darauf?
Julia Schäfer: Mit Humor. Da lach" ich drüber. Und der Großteil meines Social-Media-Publikums gleich mit. Zum Beispiel, wenn ich daraufhin ironische Videos veröffentliche, die mich faul auf der Baustelle zeigen oder wie ich mich absichtlich schmutzig mache, damit es so aussieht, als hätte ich gearbeitet. Oder ich schreibe nicht ernst gemeinte Sätze wie: "Jetzt hast du mich aber ertappt."
Der Anteil von Frauen auf der Baustelle liegt bundesweit bei unter drei Prozent. Sie sind also schon eine Exotin...
Schäfer: Am Anfang meiner Ausbildung kamen von Kollegen anderer Gewerke auf der Baustelle ab und zu anstößige Bemerkungen. Da muss man mit frechen Sprüchen kontern. Oder, als ich angefangen habe, zu filmen und mich dafür zurechtzumachen. Warum sollte das verboten sein? Wir Handwerker sind nicht schmuddelig. Andere Leute machen sich auch schick, bevor sie zur Arbeit gehen. Ich arbeite lieber mit Kollegen zusammen, die gut riechen und deren Maurer-Dekolletés nicht dauernd aus der Hose schauen.
Am Anfang Ihrer Arbeit als Maurerin haben Sie Ihren Beruf oft verschwiegen. Warum?
Schäfer: Ich habe mich geschämt. Es gab auf Partys niemanden, der eine neutrale Haltung dazu eingenommen hat. Selten kam mir ernsthaftes Interesse entgegen, meist aber Bemerkungen wie: "Für mehr hat es wohl nicht gereicht." Da dachte ich, ich bleibe besser still.
Wie haben Sie das Selbstbewusstsein entwickelt, zu sich und Ihrem Handwerk zu stehen?
Schäfer: Ich wollte mit Klischees aufräumen. Es ist Quatsch, Menschen nach dem Aussehen zu beurteilen. Wenn jemand am Handwerk interessiert ist und keine zwei linken Hände hat, ist die Arbeit auf der Baustelle eine tolle Sache. Man muss Leistung bringen, sich durchsetzen. Als Frau wie als Mann.
Sie haben im Betrieb Ihres Vaters Ihre Ausbildung gemacht. War Ihnen dieser Weg schon von Kindesbeinen an vorgezeichnet?
Schäfer: Das Tolle ist: Meine Eltern haben mich nie in eine Richtung gedrängt. Sie haben mich Dinge ausprobieren lassen, damit ich selbst schauen kann, was mich interessiert. Fernab von Geschlechterklischees. Ich habe mich im Dreck herumgetrieben – aber ebenso mit Barbies gespielt. Genauso sollte ich in der Küche helfen – oder beim Holzspalten. Es schadet nicht, wenn man sich als Kind auch mal schmutzig macht.
Sind viele Eltern in der Erziehung zu streng?
Schäfer: Auf jeden Fall. Ich habe Kinder auf Spielplätzen beobachtet, die im Sandkasten gerne mit einem Bagger gespielt hätten. Dann werden sie von den Eltern zurückgehalten, weil es zu dreckig sei – und brechen in Tränen aus. Lasst die Kinder sich ausprobieren. Nur so können sie ihren Weg finden und selbstbewusst werden.
Sehen Sie in diesem verkrusteten Denken einen Grund für den Fachkräftemangel im Handwerk?
Schäfer: Ja. Ich kenne Männer, die eine Ausbildung zum Make-up-Artist gemacht haben. Prompt wurden sie angefeindet und beschimpft. Das geht gar nicht! Es sollte keinen Unterschied geben, ob eine Frau oder ein Mann einen bestimmten Beruf ausüben. Aber ich sehe auch die Schulen viel mehr in der Pflicht.
Inwiefern?
Schäfer: Auf dem Gymnasium wurden wir darauf getrimmt, nach dem Abi unbedingt an die Uni zu gehen. Niemand sprach davon, dass man auch eine Ausbildung machen kann, die einen vielleicht glücklicher macht als ein Studium.
Welche Tätigkeiten auf dem Bau machen Sie am liebsten – und was mögen Sie gar nicht?
Schäfer: Das Pflastern ist nicht meins. Am liebsten ziehe ich neue Mauern hoch – oder reiße alte Wände nieder. Ich bin die Frau fürs Grobe.
Im übertragenen Sinne reißen Sie auch auf Social Media Wände im Denken ein – und bauen Brücken für Menschen zu Lebensentwürfen, die sie für sich noch gar nicht in Betracht gezogen haben.
Schäfer: Ja, meine Arbeit auf der Baustelle und meine Social-Media-Inhalte gehen Hand in Hand.
Sehen Sie sich mit dem offensiven Umgang ihrer Arbeit als Maurerin auf Social Media als Vorbild?
Schäfer: Unterstützerin trifft es besser. Wenn sich Menschen nach meinen Social-Media-Videos trauen, entgegen von Vorurteilen einen Beruf zu wählen, der sie interessiert, freut's mich. Das gilt für Frauen im Handwerk ebenso wie für Männer, die sich etwa für den Erzieherberuf interessieren. Ich hatte während meiner Ausbildung keine Frau als Ansprechpartner, mit der ich über Fragen auf der Baustelle sprechen konnte, die nur mich als Frau betreffen. Etwa, wie ich am besten mit der Monatsblutung umgehe. Diese Lücke zu schließen – das war einer der Gründe für meinen Social-Media-Start.
Haben Sie beim Erstellen der Inhalte für TikTok, Instagram, YouTube und Co. Hilfe?
Schäfer: Die Fotos schießt meine Mutter. Auf der Baustelle stelle ich das Smartphone auf ein Stativ und filme mich selbst. Nach Feierabend schneide und bearbeite ich das Material komplett alleine. Das kann schon mal bis zwei Uhr morgens dauern.
Worauf legen Sie dabei Wert?
Schäfer: Ich möchte in den Dialog treten. Am liebsten zeige ich das Arbeiten auf dem Bau und gebe Tipps. Ebenso bin ich aber dankbar, wenn ich selbst Hinweise bekomme, wo es auch bei meinen Abläufen Verbesserungsbedarf gibt.
Was würden Sie auf Social Media nie machen?
Schäfer: Ich würde mich niemals nackt zeigen. Zu viel Freizügigkeit auf Plattformen wie Onlyfans macht Frauen kaputt. Die Gier nach immer mehr nackter Haut vermittelt ein falsches Selbstbild. In dem Alter, als ich früher im Dreck gespielt habe, denken Teenys heute über Beauty-Operationen nach. Verrückt!
Könnten Sie allein vom Einkommen über Instagram und Co. leben?
Schäfer: Ich habe Partner, von denen ich Arbeitskleidung oder Werkzeuge präsentiere. Daran verdiene ich was. Ich würde aber nie Produkte zeigen, die ich nicht auch benutze und von denen ich nicht überzeugt bin. Fast täglich bekomme ich Anfragen, für Fitness- oder Finanzprodukte zu werben. Das lehne ich ab. Das hat nichts mit meinen Inhalten zu tun.
Was haben Sie sich fürs Jahr 2024 vorgenommen?
Schäfer: Ich baue neben unserem Firmengelände eine Halle – als Fundament für Neues. Dort sollen Partner Produkte ausstellen, hier können meine Follower vorbeikommen. Dazu stellen wir ein Team zusammen, das aus zwei, drei weiteren Handwerkern mehrerer Gewerke besteht, von hier aus Projekte startet und alles auf Social Media zeigt. So zeigen wir noch mehr, wie vielfältig und erfüllend die Arbeit im Handwerk ist.
Zur Person: Julia Schäfer ist Tschulique auf TikTok, Instagram und YouTube
Nach dem Wirtschaftsabitur in Bruchsal begann Julia Schäfer in der Baufirma ihres Vaters Martin Schäfer in Kraichtal-Unteröwisheim im Herbst 2015 die Ausbildung zur Maurerin. Seit 2019 ist die heute 30-Jährige Maurermeisterin. Das 23-köpfige Team der Firma kümmert sich sowohl um Hoch- und Tiefbau im privaten und gewerblichen Bereich als auch um Garten- und Landschaftsbau.
Seit 2021 veröffentlicht Julia Schäfer regelmäßig unter dem Namen Tschulique Inhalte auf Social Media. Das Pseudonym geht auf ihren Spitznamen seit der Schulzeit zurück.


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