Vorsitzender des Landeselternbeirats: "Lehrerversorgung ist prekär"
Sebastian Kölsch zieht eine erste Bilanz: So äußert er sich zum neunjährigen Gymnasium und Investitionen in Bildung.

Das Schulsystem kommt nicht zur Ruhe: Es fehlen Lehrer, bei Leistungsvergleichen der Schüler gibt es keinen großen Sprung nach vorn, und das Land diskutiert über die Rückkehr zum neunjährigen Gymnasien. Zu drängenden Themen äußert sich Sebastian Kölsch, der seit Frühjahr Vorsitzender des Landeselternbeirats ist.
Ihr Vorgänger Michael Mittelstaedt hält den Landeselternbeirat für eine Luftnummer, das Kultusministerium sei für nichts zuständig, der Landtag entscheidet über Geld für Bildung und Lehrer. Warum tun Sie sich den Posten dann an?
Sebastian Kölsch: Wer in der Elternarbeit aktiv ist, egal auf welcher Ebene, sollte um die Bedeutung des Gremiums wissen, in dem er sich einbringt.
Das heißt für Ihr Landesgremium?
Kölsch: Im Schulgesetz steht, dass wir das Kultusministerium beraten. Nicht mehr und nicht weniger. Wer diesen Satz nicht liest, ihn ignoriert oder denkt, ihn umdeuten zu können, der ist blauäugig. Darin steht nichts über Entscheidungskompetenz oder Mitwirkung. Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat sinngemäß gesagt: Bürger anzuhören heißt nicht, sie zu erhören. Das Kultusministerium hört vor einer Entscheidung viele Akteure an, beispielsweise auch den Landesschülerbeirat.
Bei der aktuellen Diskussion über eine Wiedereinführung des neunjährigen Gymnasiums ist der Landeselternbeirat außen vor, das Land holt die Meinung eines Bürgerforums ein. Fühlen Sie sich übergangen?
Kölsch: Die Idee dazu kam aus dem Staatsministerium. Schon als das Forum eingesetzt wurde, haben wir vom Landeselternbeirat gesagt, dass wir es für unnötig halten.
Trotzdem wird's gemacht.
Kölsch: Ja. Zwar halte ich das Bürgerforum für ein gutes, demokratisches Mittel, aber in dieser Sachfrage war es unnötig. Es wird keine neue Information auftauchen, über die nicht schon gesprochen wurde. Wir haben genügend Expertise, genügend Beratungsgremien und Akteure, die sich artikulieren. Es kam auch zur Unzeit.
Warum?

Kölsch: Das Forum wurde auf den Weg gebracht, während ein Volksantrag zu G9 lief. Es kamen dabei so viele Unterschriften zusammen, dass sich der Landtag ohnehin damit befassen muss.
Das Gymnasium soll aus Sicht vieler wieder nach neun Jahren zum Abitur führen, die verbindliche Grundschulempfehlung wird gefordert, Lehrer fehlen, Flüchtlingskinder kommen in Schulen. Viele Stellen im System stehen im Fokus. Wo liegen aus Ihrer Sicht gerade die Schwerpunkte?
Kölsch: Aktuell aufgrund der Verpflichtung durch den erfolgreichen Volksantrag bei der Umsetzung eines neuen G9. Da sehe ich viel Gestaltungspotenzial. Viele Befürchtungen der Gegner können abgeschwächt werden.
Wie das? Es heißt doch unter anderem, dass mehr Lehrer nötig sind.
Kölsch: Man sagt doch, dass an die beruflichen Gymnasien weniger Schüler kämen, wenn es wieder durchgängig das G9 gäbe. Und es heißt, dass man mit G9 mehr Lehrer an den allgemeinbildenden Gymnasien benötige. Was man aber nicht sagt, ist: Wenn weniger Kinder an den beruflichen Gymnasien sind, braucht man dort weniger Lehrer. Einen Teil davon kann das Land an die allgemeinbildenden Gymnasien bringen. Zu Beginn braucht man ohnehin weniger Lehrer mit G9, weil die Wochenstunden sinken.
Im Landeselternbeirat sind Eltern mit Kindern aller Schularten vertreten. Kann er sich zu G9 positionieren, denn schon jetzt können Kinder nach neun Jahren das Abitur machen - beispielsweise über die Mittlere Reife und ein berufliches Gymnasium.
Kölsch: Wir haben uns schon zwei Mal positioniert. Grundsätzlich sagen wir: Zurück zu G9. Es muss dann aber auch intensiv am pädagogischen Konzept gedreht werden, um es fit für die Zukunft zu machen. Zurück zum alten G9 wollen wir nicht. Im Land kann man natürlich schon jetzt das Abitur über Umwege nach neun Jahren machen, die sehr gut sind. Unser Schulsystem ist sehr durchlässig und bietet Kindern, die ihr Potenzial erst später ausschöpfen, viele Möglichkeiten. Das normale Abitur nach neun Jahren geht aber über das Gymnasium. Die Schullandsschaft dreht sich aber nicht nur um G8 oder G9.
Sondern?
Kölsch: Wir haben das Thema der krassen Unterfinanzierung der Grundschulen. Mehr Geld und mehr Personal muss in die Grundschulen fließen. Wenn es den Kindern dort besser geht, geht es automatisch auch den weiterführenden Schulen besser. Wir wollen aber beim Geld nicht die eine Schulart gegen die andere ausspielen. Wenn die Bildung, die Zukunft unserer Kinder und die der Gesellschaft mehr Ressourcen benötigt, muss man diese bereitstellen.
Wie schätzen Sie die Lehrerversorgung ein?
Kölsch: Sie ist prekär. Wir haben eklatante Unterschiede zwischen den einzelnen Schularten und den Landesteilen. Die Großstädte sind gut versorgt, in einigen ländlichen Regionen sieht es verheerend aus. Hoffentlich tragen die Bemühungen des Landes langfristig Früchte, kurzfristig soll sich mit Pädagogischen Assistenten, Seiten- und Quereinsteigern die Situation verbessern. Eine Lehrerabdeckung von 100 Prozent ist aber übrigens eine Unterdeckung.
Warum?
Kölsch: Nur mit 110 bis 115 Prozent kann man kranke Lehrer oder Lehrer, die auf Klassenfahrt sind, ausgleichen.
Zur Person
Sebastian Kölsch ist seit Frühjahr Vorsitzender des Landeselternbeirats. Der 45-Jährige wohnt in Freiburg. Sein Vorgänger Michael Mittelstaedt stand in Teilen des Gremiums in der Kritik, eine Abwahl scheiterte. Man warf ihm Alleingänge vor. Bei den Wahlen Anfang des Jahres trat er nicht mehr an. Das jetzige Gremium will sich auch mit den Themen Demokratieförderung sowie Ganztagsgrundschule befassen. Beim Rechtsanspruch auf eine Betreuung an den Grundschulen, der ab 2026 ausgebaut wird, sind für Sebastian Kölsch noch Fragen offen, gerade für den Ländlichen Raum erwartet er Schwierigkeiten. Als eine Hürde gilt, genügend Fachkräfte dafür zu finden. Der Freiburger erwartet Schwierigkeiten, sagt aber auch: Nicht alle Kinder werden zum Ganztag angemeldet.

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