Ich habe in meinem Leben nichts mehr zu verlieren
Witali Kalojew, der beim Flugzeugunglück von Überlingen seine Familie verloren hat, steht seit gestern vor Gericht - Hat er den Lotsen getötet?

Beim Flugzeugunglück von Überlingen hat Witali Kalojew seine Familie verloren. Bei der Flugsicherung Skyguide vermutet er die Schuldigen an der Tragödie. Hat er deshalb den Lotsen Peter Nielsen vorsätzlich getötet? Oder erstach er ihn im Affekt? Seit gestern verhandelt das Obergericht Zürich den spektakulären Fall.
Einige Minuten lang spricht nur die Übersetzerin. Auf russisch liest sie die Liste der Stichverletzungen vor, die Kalojew dem Fluglotsen am 24. Februar 2004 auf dessen Terrasse zugefügt haben soll. Im Publikum sitzt eine fünfzehnköpfige Abordnung aus der russischen Teilrepublik Ossetien, der Heimat des Angeklagten, angeführt von Kalojews Bruder Juri und dem Präsidenten. Sie hören der Übersetzerin aufmerksam zu, hören von Stichen in die Brust, das Gesicht, die Arme, von Schnitten an Rippen, der Fußsohle. Die Stiche trafen Nielsen, 36, mit großer Wucht: Zehn Zentimeter lang ist die Klinge des tödlichen Messers, bis zu 16 Zentimeter tief sind die Stiche. Der Vater von drei Kindern verblutet. War es Kalojew? , will der Vorsitzende Richter Werner Hotz wissen.
Mit der Präzision einer Schweizer Uhr hat sich der Richter seit dem frühen Morgen Frage um Frage der eigentlichen Tat genähert. Ich bestreite es nicht. Aufgrund der Beweise sieht es so aus, dass ich ihn getötet habe. Aber ich weiß es nicht , sagt Kalojew, ein kleiner, drahtiger Mann. Den Bart, den er sich nach dem Tot seiner Familie zum Zeichen der Trauer ein Jahr lang nicht rasiert
hatte, trägt er kurz, so wie das Haupthaar. Aber die Kleidung, die ist schwarz, Jacke, Hemd, Hose, Schuhe, alles. Wie auf einer Beerdigung. In sich zusammengesunken sitzt er vor den Richtern, gestikuliert beim Reden mit den Armen, wischt sich ab und an eine Träne ab. Den Tötungsvorsatz, den ihm Staatsanwalt Ulrich Weder vorwirft, bestreitet der 49-Jährige: Wenn ich die Absicht gehabt hätte, jemanden zu töten, hätte ich nicht eineinhalb Jahre gewartet.
So viel Zeit ist seit dem Flugzeugunglück von Überlingen vergangen, als Kalojew im Februar 2004 vor Nielsens Haus auftaucht. Von dem Angestellten der Flugsicherung Skyguide erwartet er nur eines: eine Entschuldigung. Wenn man schuldig ist, kann man sich auch entschuldigen. Der Däne hatte in der Unglücksnacht zum 2. Juli 2002 Dienst, als über dem Bodensee zwei Flieger zusammenkrachten und 71 Menschen ums Leben kamen. Darunter auch Kalojews Tochter Diana, Sohn Konstantin und Ehefrau Swetlana. Seither hat der Bauingenieur nicht mehr gearbeitet, nur noch getrauert. Das ist alles, was ich für sie noch tun kann.
Auch an jenem 24. Februar 2004 schaut er sich die Fotos seiner Familie an, diesmal im Welcome Inn in Kloten, wo er sich ein Zimmer genommen hat. Dann macht er sich auf den Weg zu Nielsen. Doch der habe ihn abgewiesen. Er hat meinen Arm weggeschlagen, mit einer Geste gesagt: Hau ab. Dann liegt das Kuvert mit den Fotos im
Schnee. Ich hatte das Gefühl, dass man die Körper meiner Kinder aus dem Sarg rausgeworfen hätte , erinnert sich Kalojew. An mehr erinnert er sich angeblich nicht. Dann liest er eine Erklärung vor: Ich rechtfertige mich nicht in diesem verfluchten Land. Man nahm mir das Wertvollste, was ich hatte. Ich habe in meinem Leben nichts mehr zu verlieren. Der Staatsanwalt plädierte am Abend auf zwölf Jahre Haft, die Verteidigung dagegen auf drei Jahre wegen Totschlags. Der Angeklagte habe im Affekt gehandelt.
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