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Frühlingsgefühle
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Nie werden mehr Babys geboren als am 1. Februar

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Eine Auswertung aller Geburten in Baden-Württemberg der vergangenen 42 Jahre zeigt, wann viele und wann weniger Geburtstage gefeiert werden.

von Ana-Maria Stefan und Andreas Gugau
Wann kommen die meisten Babys zur Welt? Die Stimme hat Daten des Statistischen Landesamts der vergangenen 42 Jahre ausgewertet.
Wann kommen die meisten Babys zur Welt? Die Stimme hat Daten des Statistischen Landesamts der vergangenen 42 Jahre ausgewertet.

Nie gratulieren sich Baden-Württemberger öfter zum Geburtstag als am 1. Februar. Das hat eine Auswertung von Stimme.de ergeben. Der Grund dafür könnten etwas verspätete Frühlingsgefühle im Ländle im Mai sein – denn die meisten Geburten werden eigentlich erst viel später im Jahr gezählt.

Der Februar ist auch in anderer Hinsicht eine Ausnahme: Den 29. Februar gibt es (mit wenigen Ausnahmen) nur alle vier Jahre und damit entfallen auf diesen Tag besonders wenige Geburtstage.

O Mädchen, Mädchen,
wie lieb’ ich dich!
Wie blinkt dein Auge!
Wie liebst du mich!

Frühlingsgefühle haben Johann Wolfgang von Goethe irgendwann vor 1775 erwischt, er hat im Mailied die Liebe in Worte gefasst. Der Mai, der Wonnemonat, die Natur erwacht und schüttelt die letzten Reste des Winters ab, beflügelt Menschen und ihre Gedanken.

Die meisten Geburten gibt es in Baden-Württemberg am 1. Februar

Seit einigen Jahrzehnten lassen sich auch die Badener und Schwaben von Frühlingsgefühlen leiten – zumindest wäre das eine mögliche Erklärung für die vielen Geburten am 1. Februar. Denn an keinem anderen Tag des Jahres kommen in Baden-Württemberg mehr Menschen zur Welt. Das zeigt eine Auswertung von fast viereinhalb Millionen Geburten aus den Daten des Statistischen Landesamts der vergangenen 42 Jahre durch die Stimme. Der 1. Februar ist mit genau 14.667 erfassten neuen Erdenbürgern der geburtenstärkste Tag im Zeitraum seit 1980. 267 Tage bis zum Tag der Empfängnis zurückgerechnet weisen auf den 10. Mai hin. 

Schwerpunkt der Geburtszahlen im September

Abgesehen von dieser Ausnahme allerdings liegt der Schwerpunkt der Geburtszahlen im September, gefolgt vom Juli. Der Tag mit den zweitmeisten Geburten ist der 1. September – genau 267 Tage nach dem 8. Dezember, also etwa nach dem ersten Dezember-Wochenende.

Es ist der 20. September mit den drittmeisten Geburtstagen, der exakt den Feststellungen der Forscher Johan Dahlberg und Gunnar Andersson (Universität Stockholm) entspricht, die in einer Studie schreiben, dass es neun Monate nach Feiertagen (kirchlichen ebenso wie säkularen) in vielen Ländern vermehrt zu Geburten kommt. Am 20. September also genau 267 Tage nach den Weihnachtsfeiertagen. 

Die Häufung von Geburten in Baden-Württemberg im Juli und September hat den früheren Geburtshöhepunkt im Frühjahr abgelöst, dem eine Konzeption nach dem Sommer und damit der Erntezeit des Vorjahrs vorausgegangen war. Die ausgewerteten Zahlen entsprechen ziemlich genau der saisonalen Verbreitung, wie sie seit den 1930er-Jahren in den Vereinigten Staaten üblich war. Baden-Württemberg hat wie die meisten europäischen Ländern erst ab den 1980er Jahren zu diesem Muster gefunden. Seitdem ist die Geburtenverteilung allerdings sehr stabil, wie Olga Pötzsch, Referatsleiterin beim Statistischen Bundesamt, gegenüber der Stimme erklärt. 

 

 

Geburtenzahlen: Blick nach Schweden verrät Entwicklung in Europa

Wer in die Zukunft blicken will, muss nach Schweden schauen. Die skandinavischen Länder sind beim Thema Familien und Geburten der allgemeinen europäischen Entwicklung um Jahrzehnte voraus. Was die Geburtsstatistik in Schweden für Ende der 1980er-Jahre zeigt, könnte demnächst hier zum Tragen kommen. Und das hieße ein Ende des Weihnachtseffekts, der in Schweden längst verschwunden ist.

Dahlberg und Andersson machen dagegen ganz andere Faktoren für den Zeitpunkt einer Familiengründung aus. So ist zu beobachten, dass je höher der Bildungsstand der Mutter, umso ausgeprägter die saisonale Verteilung. Das heißt, je besser die Mütter gebildet sind, umso genauer planen sie die Geburt ihrer Kinder.

Für Schweden heißt das, dass im November weniger und im Dezember noch weniger Babys zur Welt kommen. Ein Grund dafür laut Dahlberg und Andersson: Der Einschulungs-Stichtag, der in Schweden am Jahresende ist. Werdende Eltern wollen verhindern, dass ihre Kinder immer die jüngsten der Klasse sind und versuchen deshalb, eine Geburt kurz vor dem Stichtag zu verhindern. Noch ausgeprägter ist das Phänomen übrigens in Japan, wo eine Studie zu Tage brachte, dass jedes Jahr 1800 Geburten erst um etwa eine Woche verzögert und dann per Kaiserschnitt entbunden werden, damit die Kinder später zu den ältesten ihres Schuljahrgangs gehören. 

Jahreszeitliche Verteilungen bei ersten und weitere Kindern

Prinzipiell sind Kinderwunsch und Geburt zwar höchst private Angelegenheiten, das heißt aber nicht, dass sie nicht gewissen sich wiederholenden Mustern unterliegen. Und so zeigen sich in Deutschland bei der Betrachtung von erster, zweiter sowie dritter und weiterer Geburten ausgeprägte jahreszeitliche Verteilungen.

Die ersten Geburten finden überproportional oft im Winter statt mit einem ausgeprägten Tief im Mai und einem Zwischenhoch im September. Beim zweiten Kind dreht sich das Ganze um, hier sind die meisten Geburten zwischen April und Juni, die wenigsten im Dezember und Januar, während ab der dritten Geburt keine saisonale Variabilität mehr feststellbar ist.

Die Corona-Pandemie und die Auswirkungen auf die Familienplanung

Und dann war da ja noch Corona. 2020 war das und die Frage wurde gestellt, ob Familien, die in der eigenen Wohnung eingesperrt sind, jetzt vermehrt die Familienplanung in Angriff nehmen. Drei Jahre später zeigt die Statistik des Bundes: Mitnichten. Denn ein Plus von sieben Prozent bei den Geburten wird erst für den März 2021 erfasst – passend zum Ende der ersten Kontaktbeschränkungen im Mai 2020. Die Menschen durften wieder raus und haben ein wenig mehr Sicherheit gespürt. Pötzsch vermutet, dass einige ihre Familienplanung vorgezogen haben, schließlich dachten wir im Sommer 2020, die Pandemie sei jetzt überstanden.

Dass dem nicht so war, zeigt die Geburtsstatistik 2022 mit einem deutlichen Rückgang. Je länger Corona dauerte, desto mehr belasteten die Maßnahmen die Familien. Zudem kam eine Stiko-Empfehlung für die Impfung von Schwangeren erst im August 2021. Olga Pötzsch vermutet, dass einige Kinderwünsche deshalb bis zu diesem Zeitpunkt aufgeschoben wurden. 

 

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