Augenprothese soll zu künstlichem Sehsinn verhelfen
Tübinger Ärzte wollen winzigen Solarchip in Patienten einsetzen und Blinden damit das Augenlicht wieder geben - Nur grobkörnige Auflösung

Handykameras machen unscharfe Bilder. Die meisten Blinden wären dennoch froh, wenn sie zumindest so viel sehen könnten. Ein Chip mit winzigen Solarzellen, der den Fotorezeptoren in Digitalkameras ähnelt, soll schwer Augenkranken bald zu einem künstlichen Sehsinn verhelfen. Forscher um den Direktor der Tübinger Augenklinik, Eberhart Zrenner, wollen die Augenprothese in Kürze den ersten Patienten einsetzen. Zielgruppe sind Patienten, die auf Grund einer genetischen Störung an Netzhautdegeneration leiden. Mit dem Verlust der Sehzellen, erblinden die Patienten, zumeist ab dem 30. bis 40. Lebensjahr, manchmal aber auch schon als Kind. Der unter die Netzhaut zu implantierende Mikrochip soll zunächst nur ein schwarz-weiß Sehen ermöglichen. "1600 winzige Rezeptoren auf dem Chip wandeln das Licht in elektrische Signale um, die direkt an die umliegenden Nervenzellen weiter gegeben werden", erklärt Zrenner. Das Bild entsteht also auf keinem Display oder Monitor, sondern allein im Kopf. Das künstliche Gesichtsfeld ist klein. Jeder Quadratzentimeter Netzhaut im Auge entspricht einem bestimmten Teil des natürlichen Sichtfeldes. Da die kleine elektronische Platte eine Größe von drei mal drei Millimetern hat, bekommt der Patient einen Ausschnitt der Realität zu sehen, der einem Din A3-Blatt in rund einer Armlänge Entfernung vom Auge entspricht. "Das reicht völlig aus, um sich zu orientieren", sagt Zrenner.Mit einem marktreifen Produkt rechnen die Forscher im Jahr 2007. Vor den ersten Operationen kämpfen sie derzeit aber noch mit ganz banalen Problemen: An zehn Schweinen müssen sie zeigen, dass die Augenprothese funktioniert. "Aber die Tiere reiben immer wieder die Batterie ab, die an ihrem Rücken montiert ist", sagt Zrenner. Auch beim Menschen muss der Chip einmal von außen mit Energie versorgt werden. Die soll entweder ein feines Kabel von einer Batterie hinter dem Ohr zuführen. "Die andere Möglichkeit ist eine Brille, die Infrarotlicht sendet, das der Chip in Strom umwandelt", sagt Zrenner. Davon gibt es aber vorerst nur einen Prototypen."So ausgeklügelt die Prothese am Ende auch sein mag, kein Holzbein ist so gut wie das echte Bein", sagt Zrenner. Für junge Menschen, deren Netzhaut noch halbwegs intakt ist, hofft er daher auf eine biotechnologische Lösung. In einem Verbund mit Forschern aus London, Paris und Coimbra arbeiten die Tübinger Forscher an einem gentherapeutischen Ansatz. "Es gibt Versuche mit nicht krankheitserregenden Viren, die in der Netzhaut von Ratten den fehlenden Genabschnitt wieder einsetzten." Bis die ersten Patienten davon profitieren, dauert es aber wohl noch einige Jahre.So lange wird die Welt auch auf die Realisierung eines anderen ehrgeizigen Projekts von Zrenner und seinem Team warten müssen, das viele Millionen Kinder vor einer Brille bewahren soll: Augentropfen gegen Kurzsichtigkeit. "Wir haben herausgefunden, welches Gen das Längenwachstum des Auges be- wirkt und somit für Kurzsichtigkeit verantwortlich ist", sagt Zrenner. Dieses Gen soll im Kindesalter ausgeschaltet werden. In Tests an Hühnern ist dieser Prozess mit Hilfe von ins Augen gespritzten Wirkstoffen bereits gelungen. "Der Traum ist es, das umzuwandeln in Augentropfen für Menschen." Internet: www.uak.medizin.uni-tuebingen.de/findex.html
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