John Hattie: Schulen sind oft keine Lernorte
Zum ersten Schulleitungssymposium Baden-Württemberg hatten das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung und die AIM viel wissenschaftliche Prominenz in die Aula auf dem Bildungscampus Heilbronn eingeladen. Allen voran der international bekannteste und einflussreichste Pädagoge John Hattie.

Er erntete lang anhaltenden warmen Applaus, der neuseeländische Stargast, auch wenn es für ungeübte Ohren nicht leicht war, seinem im muttersprachlichen Englisch gehaltenen Vortrag zu folgen. Die mit Verzögerung an den Bildschirm hinter dem berühmten Redner geworfene, laufend korrigierte Übersetzung machte es nur bedingt einfacher.
Mit der Hattie-Studie sorgte der Neuseeländer für Furore
Aber die Kernbotschaft des Erziehungswissenschaftlers John Hattie, der 2009 mit seinem Buch „Visible Learning“ international Furore machte, kannten die Zuhörer sowieso schon, spätestens seit die Bildungsstudie mit dem Titel „Lernen sichtbar machen“ 2013 auf Deutsch erschienen war: Einen größeren Einfluss auf Lernergebnisse als spezifische Lehrmethoden habe die Qualität der Interaktionen zwischen Lehrkräften und Schülern.
Theresa Schopper: Von der Expertise profitieren
Hunderte Rektoren waren am Montag aus dem ganzen Land zum ersten Schulleitungssymposium Baden-Württemberg nach Heilbronn geströmt, um in der Aula auf dem Bildungscampus Hattie, aber auch den Impulsvorträgen der Berliner Schulentwicklungsforscherin Felicitas Thiel und dem Münchner Sozialpsychologen Dieter Frey zu lauschen sowie mit Experten über das Symposiumsthema „Führung – Schulmanagement und Leadership in herausfordernden Zeiten“ zu diskutieren. Andere folgten der Tagung im Livestream. Eingeladen hatten das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung Baden-Württemberg (ZSL) gemeinsam mit der Akademie für innovative Bildung und Management (AIM), in Kooperation mit der Heilbronner Stimme. Das ganztägige Programm moderierte Ute Soldierer.
Auch Kultusministerin Theresa Schopper freute sich in ihrem Grußwort, dass Hattie eigens aus Australien angereist war: „Ihr Name ist ein Stern am Himmel der Bildungslandschaft“, begrüßte sie den pensionierten Professor und Direktor des Melbourne Education Research Institute und freute sich, „von Ihrer Expertise profitieren zu können“.

Schulleitungen sind auch Krisenmanager
Die Schulleitung sei „eine unglaubliche Herausforderung“, so die Ministerin (Bündnis 90/Die Grünen), schließlich hätten die Rektoren und Direktoren nicht nur Führungsverantwortung gegenüber ihrem Team, zu dem etwa auch Hausmeister gehörten, sie seien auch Krisenmanager, etwa nach weltpolitischen Ereignissen. Die Schulleitungsrolle würde oft unterschätzt: „Sie sind die Architekten der Lernumgebung“, anerkannte Schopper die Symposiumsteilnehmer.
Nur auf Fehler hinweisen, hilft nicht
Und John Hattie? Der Bildungsexperte platzierte frühzeitig seine „main message“, seine Hauptbotschaft des Tages: „Ich möchte, dass Schule Lernorte sind.“ Das seien sie nämlich nicht: „They are teaching organisations“ – Lehrorte. Kinder und Jugendliche sollten gerne und motiviert zum Lernen in die Schule kommen und nicht, weil sie es müssen. Die Beziehung zu den Lehrkräften sei wichtig, aber auch die zwischen den Schülern. Und: „Erst wenn ein Schüler anfängt, Spaß zu haben, fängt er an zu lernen.“ Man solle ihnen beibringen, sich gegenseitig zu unterrichten und sie permanent herausfordern, nach Lösungen zu suchen: „Nur auf Fehler hinweisen, hilft nicht.“
Immer auf die Wirkung achten
Den Schulleitungen empfahl er, in die Klassenräume zu gehen: nicht um die Lehrer unterrichten zu sehen, sondern um ihre Wirkung zu beobachten. Überhaupt solle man ständig darauf achten, welche Wirkung man mit seinem Tun erziele.
„Es ist für uns wohltuend, das zu hören“, stand für Martina Geiger, Direktorin des Seminars für Ausbildung und Fortbildung der Gymnasial-Lehrkräfte schon vor Hatties Vortrag bezüglich dessen Postulate fest.
Veranstalter wollen neue Tradition begründen
Das Zentrum für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) ist eine 2019 neu eingerichtete baden-württembergische Landesoberbehörde. ZSL-Präsident Thomas Riecke-Baulecke, der den Bildungstag für Schulleiter zusammen mit AIM-Geschäftsführer Marco Haaf eröffnete, möchte mit dem Symposium eine neue Tradition begründen.

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