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Geschichte

Graf Schenk von Stauffenberg: Held oder Wirrkopf?

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Zum 80. Mal jährt sich das gescheiterte Attentat vom 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler: Wer war der Widerstandskämpfer Graf Schenk Claus von Stauffenberg wirklich? Eine Spurensuche auf der Schwäbischen Alb. 

von Matthias Schmid
Claus von Stauffenberg u. Kinder Stauffenberg, Claus Graf Schenk von; Generalstabsoffizier u. Widerstands- kaempfer; 1907-1944. - Mit seinen Kindern Berthold (geb. 1934), Heimeran (geb.1936) und Franz Ludwig (geb.1938). - Foto, um 1940.
Claus von Stauffenberg u. Kinder Stauffenberg, Claus Graf Schenk von; Generalstabsoffizier u. Widerstands- kaempfer; 1907-1944. - Mit seinen Kindern Berthold (geb. 1934), Heimeran (geb.1936) und Franz Ludwig (geb.1938). - Foto, um 1940.  Foto: akg-images
  1. Das Gekritzel erinnert an die Schrift eines Grundschülers. Brüchig wirkt sie, schnörkelig irgendwie. Mit „Lieber Willy“ beginnt der Brief, in dem weiter steht: „Es geht mir schon sehr viel besser. Eine Mittelohrvereiterung (wie bei dir) machte noch recht zu schaffen.“

    Der Verfasser der Zeilen ist allerdings kein achtjähriger Junge, sondern ein Mann von 35 Jahren, der sich das Schreiben mit der linken Hand im Lazarett mühsam hat beibringen müssen, nachdem er seine rechte nach einem Tieffliegerangriff in Tunesien verloren hat. Der Mann mit der Kinderschrift ist Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der am 7. April 1943 im Zweiten Weltkrieg schwer verwundet worden ist. Er ringt mit dem Tod. Den Stift kann er nur mit drei Fingern führen, weil ihm auch links zwei Finger fehlen. „Dass er trotzdem wieder Briefe geschrieben hat, zeigt seinen enormen Willen“, sagt Ursula Eppler

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  2. Sommermonate Sie hat lange Jahre durch die Stauffenberg-Gedenkstätte in Albstadt-Lautlingen geführt. Hier im Schloss liegt auch das Original des Briefes an seinen Freund Wilhelm Bürklin aus, wie andere Erinnerungsstücke von Stauffenberg. Seine Familie hat hier viele Wochen im Jahr verbracht. „Sie waren jede Ferien da“, erzählt Eppler.

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  3. Wer war Claus Schenk Graf von Stauffenberg? War der Offizier ein Held, weil er versuchte, Deutschland vor den Nazis zu retten? Oder ein kühner Wirrkopf, angetrieben vom eigentümlichen Dichter Stefan George, wie eine Biografie naheliegt? In diesem Jahr jährt sich das gescheiterte Attentat am 20. Juli 1944 auf Adolf Hitler zum 80. Mal.

    Um sich seinem Leben und Wirken anzunähern, lohnt sich ein Blick zurück in seine Kindheit, die ihn häufig auf die Schwäbische Alb in das kleine und pittoreske Örtchen Lautlingen geführt hat.

    Nicht nur den Sommer hat die Familie im Eyachtal zwischen Heersberg und Gräbelesberg genossen. Auch zum Skilaufen ist Stauffenberg im Winter aus Stuttgart oft mit dem Zug angereist. Seine Holzskier (mit angehängter Gepäcknummer) sind genauso zu bewundern wie unveröffentlichte Gedichte, Bilder und andere Gegenstände der Familie. „Sie haben sich hier wohlgefühlt und hatten auch zu den Lautlingern eine gute und herzliche Beziehung“, sagt Eppler. Wie verwurzelt die Stauffenbergs hier waren zeigt auch, dass Heimeran, sein zweitältester Sohn, im Oktober 2020 in Lautlingen und nicht in seinem Wohnort Zürich begraben worden ist. Sein ausdrücklicher Wunsch.

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  4. Rückzugsort 1907 wird Stauffenberg in Jettingen (Landkreis Günzburg) geboren, er wächst mit seinen Brüdern Alexander und Berthold dann im Alten Schloss in Stuttgart auf. Sein Vater Alfred arbeitet als Oberhofmarschall des letzten württembergischen Königs Wilhelm II., seine Mutter Caroline, geborene von Üxküll-Gyllenband, kümmert sich als Hofdame um die Königin Charlotte. Lautlingen war für die schwäbische Adelsfamilie mit bayerischer und fränkischer Verzweigung ein Rückzugsort, ein Refugium, in dem sie befreit von den strengen Protokollen am Hof in Stuttgart leben können. Auch Claus fühlt sich dort behütet und aufgehoben. Als Jugendlicher richtet er sich im Turm des Schlossparks ein Zimmer ganz nach seinem Geschmack ein. Später als Offizier kehrt er häufig mit seiner Frau Nina und den Kindern zurück. Seinen Genesungsurlaub nach seiner schweren Verwundung in Nordafrika verbringt er auf der Alb.

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  5. Gemeinsam mit seinem Bruder Berthold und dem Germanisten Rudolf Fahrner arbeitet er im Sommer 1943 die „Lautlinger Leitsätze“ aus. Darin skizzieren sie eine Staatsordnung in einem Deutschland nach Hitler. Sie widmen sich konkret den politischen, wirtschaftlichen, religiösen und sozialen Problemen und können so weitere Mitstreiter für den Widerstand gewinnen. Darüber, wann aus dem einst glühenden Anhänger Hitlers ein zweifelnder Offizier geworden ist, der bereit ist, den deutschen Führer sogar zu töten, gibt es unterschiedliche Quellen. Am plausibelsten erscheint aber zu sein, dass er in den Jahren 1942/43 angefangen hat, die Kriegsführung Hitlers infragezustellen. Das hat Eppler auch aus zahlreichen Gesprächen mit den Kindern Stauffenbergs erfahren. „Er hatte die Aussichtslosigkeit des Krieges und das Ausmaß der Gräueltaten in den besetzten Gebieten erkannt“, erzählt Ursula Eppler. Sein eigener Aufenthalt im Lazarett in München bestärkt ihn in seinem Vorhaben, dass etwas getan werden muss. „Es wird Zeit, dass ich das Deutsche Reich rette“, soll Stauffenberg zu seiner Frau gesagt haben.

    Über die wahren Beweggründe und seinen Sinneswandel streiten sich die Gelehrten bis heute. Was hat ihn angetrieben? Während die späteren Historiker des 20. Juli glauben, dass es über halbherzige Versuche, Adolf Hitler zu töten nicht hinausgekommen wäre, wenn Stauffenberg nicht zu den Widerständlern gestoßen wäre und das Netzwerk und seine Pläne kalt und entschlossen übernommen hätte, tun sich andere schwer damit, ihn zu heroisieren. Thomas Karlauf zum Beispiel wirft in seinem Buch („Stauffenberg. Porträt eines Attentäters“) die These auf, dass Stauffenbergs Tat nur eine reine Geste war. Er versucht sie damit zu erklären, dass Stauffenberg schon als Jugendlicher den Dichter Stefan George auf fast fanatische Weise verehrte. Zu dessen zentralen Vorstellungen seines heiligen Weltbilds gehörten Verschwörung und Umsturz.

    Ursula Eppler bedauert in der Debatte die Einseitigkeit, sowohl in die eine als auch in die andere Richtung. Ihr missfällt zum einen, dass beim Namen Stauffenberg stets ein Aber mitschwinge. „Aber er war zunächst ein begeisterter Anhänger Hitlers…“). Und andererseits, dass er als Einziger der Widerständler auch durch Hollywood so groß gemacht worden sei. Sie betrachtet das alles wesentlich nüchterner. „Als Oberst wollte er in erster Linie Kriege gewinnen“, sagt Eppler. Ob Stauffenberg für sie ein Held war? „Das ist das falsche Wort“, entgegnet sie. „Er war einfach mutiger als die anderen und wollte die Ehre Deutschlands retten und verhindern, dass weitere Menschen sterben.“

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  6. Enkelin Für Sophie von Bechtolsheim ist Stauffenberg kein Attentäter und die Ereignisse vom 20. Juli 1944 auch kein Attentat, sondern der Versuch, Terror und Tyrannei in Deutschland zu beenden. Die Historikerin ist eine Enkelin Stauffenbergs und hat in ihrem Buch („Stauffenberg. Mein Großvater war kein Attentäter“) aus familiärer Sicht geschrieben. Die 56-Jährige stützt sich dabei unter anderem auf persönliche Erzählungen ihres Vaters Franz Josef und ihrer Großmutter. Als Abiturientin isst sie einmal die Woche bei ihr in Bamberg zu Mittag. Von Bechtolsheim schreibt, dass ihr Großvater lediglich den Umsturz wollte. Aber ein solcher ohne Mordanschlag nicht gelingen konnte. Die Tat führte er „notgedrungen“ aus, noch bis zu den letzten Wochen hatte er versucht, jemanden anderen dafür zu gewinnen.

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  7. War er für sie ein Held? „Was ist das, ein Held?“, fragt von Bechtolsheim in einem Interview der Schweizer Tageszeitung NZZ zurück. „Meine Familie hat nie an seinem Mythos mitgestrickt“. Stauffenbergs Ziel sei eine neue, in seinem Verständnis gerechte Gesellschaftsordnung gewesen, angelehnt an die Vorstellungen des Kreisauer Kreises; so wünschte er sich nach dem Putsch etwa den Sozialdemokraten Julius Leber und nicht wie die anderen Mitstreiter den Leipziger Oberbürgermeister Carl Friedrich Goerdeler als Reichskanzler. Doch es kommt anders. Der Anschlag auf Hitler misslingt, Stauffenberg und die Mitverschwörer werden erschossen; seine ganze Familie in Sippensaft genommen.

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  8. Schwäbisch Seine damals mit dem fünften Kind schwangere Frau Nina ist in die Pläne nicht wirklich eingeweiht. Noch am Tag des Attentats versucht Stauffenberg, sie telefonisch in Bamberg zu erreichen. Doch sie ist schon zwei Tage zuvor nach Lautlingen gefahren. Ihr Aufenthalt dort bewahrt sie vor der sofortigen Verhaftung durch die Gestapo. „Sie hatte so zwei Tage Schonfrist“, erzählt Bechtolsheim am Telefon. Nach Kriegsende findet die Familie in Lautlingen wieder zusammen, auch sein Bruder Alexander überlebt das KZ. Zunächst residieren Nina und die fünf Kinder auf der Alb. Sie gehen dort zur Schule und „schwätzen auch schwäbisch“, wie Bechtolsheim weiß. 1953 siedeln sie nach Bamberg über, während Stauffenbergs Mutter Caroline bleibt. Drei seiner fünf Kinder leben heute noch. Regelmäßig treffen sie sich im Lautlinger Schloss. „Für sie alle ist das ein Stück Heimat“, sagt Bechtolsheim der Heilbronner Stimme.

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  9. Auch für Ursula Eppler sind das besondere Momente, wenn sie am Tisch der Stauffenbergs Platz nimmt und die Überlebenden von früher erzählen. Die Anekdoten beginnen meistens so: „Weißt du noch damals?“ Die 78-Jährige findet das herrlich. „Das macht die Geschichte hier so lebendig.“ Und sie erfährt jedes Mal neue Details. Stauffenberg zum Beispiel ist für seine Freunde einfach nur der „Stauff“ gewesen.

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