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Diakonie gibt Migrationsberatung in Heilbronn auf

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Oberkirchenrätin bemängelt Finanzierung des Bundes und negative gesellschaftliche Grundstimmung

Die Diakonie in Heilbronn berät keine Migranten mehr. Alternativen sind schwer zu finden. Andere Träger und die Behörden sind überlastet, etwa auch, wenn es um den Antrag auf deutsche Staatsbürgerschaft geht. Foto: dpa
Die Diakonie in Heilbronn berät keine Migranten mehr. Alternativen sind schwer zu finden. Andere Träger und die Behörden sind überlastet, etwa auch, wenn es um den Antrag auf deutsche Staatsbürgerschaft geht. Foto: dpa  Foto: Fernando Gutierrez-Juarez

In Heilbronn hat die Diakonie ihre Migrationsberatung aufgegeben, weil der Bund 2025 den Dienst voraussichtlich nicht ausreichend finanziert. Zwei Stellen wurden nicht wiederbesetzt. Caritas und DRK machen weiter, beobachten aber die politische Lage genau. Der Bedarf an Beratung ist groß, nicht nur, weil 58 Prozent der Menschen in der Stadt einen Zuwanderungshintergrund haben. Die kirchlichen Mittel aufzustocken, sei nicht möglich, so Oberkirchenrätin Professor Annette Noller vom diakonischen Werk Württemberg. Schon jetzt werde kofinanziert, 30 Prozent der Kosten „wälzt der Bund auf die Träger ab“. Caritas und DRK machen weiter, beobachten aber die politische Lage genau.

Diakonisches Werk: Zwei weitere Träger haben Ausstieg angekündigt

Das diakonische Werk Württemberg reduziert 2025 die Migrationsberatung um zwölf Prozent und prognostiziert weitere Kürzungen. „Konkret wissen wir neben Heilbronn von zwei zusätzlichen diakonischen Trägern, die ihren Ausstieg angekündigt haben“, so Noller. Weil es noch nicht ganz spruchreif sei, könne man keine Namen nennen. Der Abbau sei aber auch bei anderen Wohlfahrtsverbänden zu sehen. Weil die Migrationsberatung nach Landkreisen organisiert ist, würden nach dem Wegfall einzelner Träger ganze Kreise in diesem Bereich unversorgt sein.  

Mitarbeiter fühlen sich mit ihrem Job in der Migrationsberatung im Abseits 

Beim diakonischen Werk Württemberg machen 19 Mitarbeitende in diesem Bereich weiter. Zum Teil habe es eigene Vorstandsbeschlüsse von diakonischen Trägern gegeben, die Arbeit mit hohem Einsatz von Eigenmitteln fortzuführen. „Aber dieses Engagement steht auf wackligen Beinen und hängt stark mit der sehr negativen gesellschaftlichen Grundstimmung zusammen“, so Noller. Mit ihrer Arbeit stünden Träger und Kollegen zunehmend im Abseits.

„Wir leben als Gesellschaft keine besondere Willkommenskultur“, stellt auch Kreisrat Jürgen Winkler aus Brackenheim fest. Als Biobauer ist Winkler auf seine ausländischen Mitarbeiter angewiesen. Er sucht und findet sie unter anderem durch Aushänge am Flüchtlingsheim. Auch nach Jahren im Land sei es schwer für sie, deutsche Freunde zu finden, und eine Wohnung zu ergattern, das klappt mit ausländischem Namen so gut wie ausschließlich durch Winklers Vermittlung.     

Ein Bindeglied zwischen Zugewanderten und Stadt fällt weg

Fällt in Heilbronn jedoch der Migrationsdienst weg oder ist nur noch in stark eingeschränktem Umfang möglich, schwächt das andere Angebote, etwa die Vernetzung mit der Integrationsbeauftragten. „Die Migrationsberatung hat in der Vergangenheit sehr eng mit der Integrationsbeauftragten zusammengearbeitet“, sagt Rathaussprecherin Claudia Küpper. „Sie war ein Bindeglied zwischen den Zugewanderten und den Strukturen der Stadtgesellschaft.“ 

Aus Sicht der städtischen Integrationsbeauftragten Lidwine Reustle spielt sie für die Integrationsarbeit eine zentrale Rolle und hat daher für die Stadt einen sehr hohen Stellenwert. Sie umfasse eine Beratung zu allen Handlungsfeldern der Integration und ermögliche eine bessere Teilhabe am sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben.

Die Ausländerbehörde in Heilbronn kann die Lücke, die durch den Wegfall der diakonischen Beratung entsteht, nicht füllen, heißt es auf Anfrage der Heilbronner Stimme bei der Stadt. „Die seit Jahren hohe Arbeitsbelastung der Ausländerbehörden zwingt zu einer Konzentration auf die Pflichtaufgaben“, sagt Jasmin Körner, Leiterin der Ausländerbehörde in Heilbronn.

Und auch für diese brauchen Antragsteller jede Menge Geduld und Zuversicht, um nicht zu verzweifeln, zumindest im Landkreis Heilbronn. Vor zwei Jahren hat der 26-jährige Sahrab Bayani aus Afghanistan, Gärtner mit Fachrichtung Obstbau, und seit Jahren beim Biohof Winkler in Brackenheim beschäftigt, seinen Antrag, deutscher Staatsbürger zu werden, bei der Ausländerbehörde im Landratsamt eingereicht. „Ich warte immer noch“, sagt er. 

Stichwort

Im noch nicht verabschiedeten Haushalt 2025 sind 77 Millionen Euro eingestellt für die Migrationsberatung. Das diakonische Werk Württemberg geht davon aus, dass hier zwar nicht gekürzt wird. Der Bedarf an Mitteln steige aber deutlich wegen höherer Kosten und Tarifabschlüsse. Die Träger finanzieren rund 30 Prozent des Dienstes selbst, unter anderem mit Kirchensteuern oder Spenden. amo

 

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