„Von Blitz, Hagel und Unwetter erlöse uns“
Inschrift der kleinsten Glocke der katholischen Kirche in Affaltrach deutet auf Wetterläuten hin

OBERSULM - Wenn von Karfreitag bis Ostersonntag in den katholischen Kirchen die Glocken schweigen, fliegen sie nach Rom“, erzählt Diözesanmusikdirektor Walter Hirt. Mit dieser Legende habe man ihm in seiner Ministrantenzeit das Schweigen der Glocken in der Karzeit erklärt. In der Osternachtfeier setzen die Glocken mit dem Gloria und der Orgel wieder ein. Im Vierergeläut der katholischen Kirche in Obersulm-Affaltrach hängt eine alte Antonius-Glocke, die ihren Ostereinsatz nach dem Bau der Kirche im Jahr 1899 nie verpasst hat. Sie hat alle Irrungen und Wirrungen zweier Weltkriege unbeschadet überstanden.
Antonius-Glocke Die Antonius-Glocke ist die kleinste des heutigen vierteiligen Ensembles, von dem die drei jüngeren im Jahr 1953 in den Formen der Heilbronner Glockengießerei Bachert entstanden. Sie trägt das Bild des Heiligen Antonius und fällt auf durch einen sehr schön gearbeiteten Fries mit Weinlaub und Trauben.
In seinem Buch „Affaltrach - eine katholische Pfarrei“ zitiert der Obersulmer Ortshistoriker Martin Ritter aus einem Bericht über die Glockenweihe am 18. Oktober 1899 in der Zeitung „Der Ipf“: „Neun auswärtige Geistliche und die ganze katholische Pfarrgemeinde wohnten der Feier an. Das Geläute hat den Akkord as, c und es und stammt aus der Gießerei der Firma G.H. Kiesel aus Heilbronn.“
Die ersten drei Glocken der am 28. Oktober 1899 geweihten katholischen Kirche St. Johann Baptist wogen zusammen 14 Zentner. Die größte Glocke war Maria, der Mutter Gottes, geweiht. Die zweitgrößte Version war dem Namensgeber des neuen Gotteshauses, Johann Baptist („Johannes der Täufer“), gewidmet. Die kleinste Glocke mit dem Schlagton „es“ weihten die Priester dem Heiligen Antonius von Padua.
Metallreserve Im Ersten Weltkrieg musste die katholische Kirchengemeinde, wie viele andere auch, ihre beiden größten Glocken als Metallreserve für die Kriegsproduktion abliefern. „In der Zeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg konnte nur eine Glocke wiederbeschafft werden“, berichtet Martin Ritter. Aber auch diese Glocke musste die Gemeinde dann im Zweiten Weltkrieg wiederum zum Einschmelzen für Kriegszwecke abgegeben. Erst im Jahr 1953 war die Pfarrei in der Lage, ihr Geläut wieder zu vervollständigen und sogar auf vier Stimmen auszubauen.
Christuskönig-Glocke „Wir haben eine Christuskönig-Glocke mit dem Ton g’, eine Marienglocke mit dem Ton b’ und eine Johannes Baptist- Glocke mit dem Ton c’’ geliefert“, hat Christiane Bachert von der Karlsruher Gießerei Bachert in den alten Heilbronner Glockenakten ihrer Firma herausgefunden. Die Christuskönig-Glocke ist mit 634 Kilogramm die größte und schwerste der vier Bronze-Exemplare. In ihrer Inschrift erinnert sie an die Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege.
Witwe stiftete Glocke Die zweitgrößte Glocke trägt die Inschrift „Ave Maria“ und wiegt 361 Kilogramm. Die Witwe Marie Barth, geborene Wimmer, hat 1953 die dritte, eine 252 Kilogramm schwere Glocke, die dem Namenspatron der Kirche geweiht ist, gestiftet. Sie trägt die Inschrift „A fulgure grandine et tempestate libera nos“. Das heißt: „Von Blitz, Hagel und Unwetter erlöse uns“. Für Martin Ritter bedeutet dieser Satz, dass diese Glocke zum „Wetterläuten“ gedacht war.
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