Unfassbares hinter alten Fassaden

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Großes Interesse an Stadtführung auf den Spuren jüdischer Bürger

Von Stefanie Pfäffle
Norbert Stauß (rechts) erzählte bei seiner Stadtführung viele Geschichten von ehemaligen jüdischen Bewohnern Öhringens.Foto: Stefanie Pfäffle
Norbert Stauß (rechts) erzählte bei seiner Stadtführung viele Geschichten von ehemaligen jüdischen Bewohnern Öhringens.Foto: Stefanie Pfäffle

Öhringen - Schatten und Licht liegen oft sehr nah beieinander. Der jüdische Öhringer Max Blum will seine Familie vor den Nazis retten. Doch für eine Auswanderung in die USA braucht er Geld, denn auch wenn sein Bruder bürgt, die Schiffspassagen sind teuer. Er findet in Eugen Schimmel einen deutschen Käufer für seine beiden Häuser, doch erst weil dieser dafür auch tatsächlich einen Kredit von einem beherzten Bankmann bekommt, reicht es für die Flucht. Eine Fülle solcher Geschichten erzählt Norbert Stauß bei einer Stadtführung zur Erinnerung an jüdische Bürger durch Öhringen.

Treffpunkt Der Andrang im Haus der Jugend ist überraschend groß. Über 60 Leute wollen den Spuren folgen, die die jüdische Gemeinde hinterlassen hat. Der Treffpunkt ist nicht ohne Grund gewählt. In der ehemaligen Gaststätte richteten die Juden Öhringens ihre Synagoge ein, mit Kinderzimmer und Frauenbad. 1889 wurde sie eingeweiht. Sie wurde nicht in der Reichspogromnacht zerstört, sondern erst einen Tag später. Zu dicht bebaut war die Gegend, um sie einfach in Brand zu stecken, also zerstörten die Nazi-Schergen einfach die komplette Einrichtung. Das Gebäude wurde zum Versammlungsraum für die Partei und dafür mit kleineren Fenstern und germanischen Türeisenbeschlägen ausgestattet.

Direkt gegenüber befand sich im heutigen Schuhgeschäft Krenkler bis 1938 das Lebensmittelgeschäft der Brüder Rothschild. Die Geschäfte liefen seit der Machtergreifung schlecht und kamen nach der Zerstörung der Synagoge vollkommen zum Erliegen. Ihnen gelang die Flucht in die USA.

Das war nicht allen vergönnt, wie Stauß berichtet. Gleich nebenan lebte der Viehhändler Arthur Ledermann, ein armer Jude. Ab 1939 verdiente er als Hilfsarbeiter auf der Müllhalde etwas Geld, bevor er 1941 deportiert wurde. Schon vorher durften seine Kinder auf dem Schlittenhügel gegenüber nicht mehr mitmachen, die deutschen Kinder erlaubten es nicht.

Tragik Es gibt viele tragische Geschichten, die sich hinter den Häuserfassaden verbergen, deren Einwohner wohl kaum etwas von ihrem geschichtsträchtigen Wohnort ahnen. Die Gaststätte Zorbas beherbergte einmal das Autohaus Doll. Gründer waren der Katholik Thomas Branowsky und seine jüdische Frau. Deren Tochter Helene Doll war als Rennfahrerin auf Motorrädern bekannt und suchte später unter Einsatz ihres Lebens immer wieder nach ihrer Mutter im KZ Theresienstadt. "Vermutlich hat sie deswegen überlebt", denkt Stauß.

Das besänftigt etwas die aufgewühlten Gedanken. Oder der Schuhmacher, der die zurückgebliebenen armen Juden mittags zum Essen einlud und mit seinen beschränkten Mitteln tat, was er konnte. "Ist doch unfassbar, zu was Menschen fähig sind", hört man. Und wenn es nur darum geht, die Bänke im Hofgarten abzuschrauben, damit der Sabbatspaziergang nicht mehr so angenehm ist.

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