Geschwungene Barock-Decke
Fachpraktische Prüfung der künftigen Stuckateur-Meister

Weinsberg - Alabastergips, Putzeisen, Ziehklinge, Japanspachtel und Staubbesen. So heißen die Werkzeuge der Stuckateure. Vier junge Männer stehen auf einem Podest in einem Neubau in Weinsberg – Meisterschüler der Johann-Jakob-Widmann-Schule in Heilbronn. Sie fertigen bei ihrer fachpraktischen Prüfung in dieser Woche eine Barock-Decke mit geschwungenen Formen im Wohnzimmer der Hausbesitzer.
Pius Reeb (20) aus Aalen putzt akribisch die Übergänge der Stuckstäbe mit dem sogenannten Japanspachtel zu. „Sehr biegsam und sehr scharf“, so beschreibt Reeb dieses Werkzeug. In der anderen Raumecke begutachtet Jochen Raißle (25) aus Bondorf die Decke. Hier fehlt noch etwas Gips. Vorsichtig gleicht er die Löcher aus: „Wichtig ist, dass das Gesamtbild stimmt.“
Vier Baustellen An der Bundesfachschule in Heilbronn streben in diesem Jahr 24 Prüflinge ihren Abschluss an. „Sie sind auf vier Baustellen unterteilt“, erklärt Ulrich Rank, Vorsitzender des Prüfungsausschusses der Stuckateurmeister – in Öhringen, Weinsberg, Heilbronn-Biberach, Talheim. Seinen Augen entgeht nichts, selbst kleinste Unebenheiten fallen Rank auf. Er überprüft mit der Ziehklänge an zwei Stößen, ob alles in der Flucht ist. „Es schimmert noch durch.“ Hier muss nochmals nachgearbeitet werden. Täglich fährt Rank die Projekte ab, beurteilt mit den Kollegen den Baufortschritt, vergibt Punkte.
Die Arbeiten sollen möglichst praxisnah sein. Das ist auch für Albert Mayer, Abteilungsleiter Bautechnik der Johann-Jakob-Widmann-Schule, sehr wichtig, um das Stuckateur-Handwerk positiv in der Öffentlichkeit darzustellen.
Oft sind es öffentliche Einrichtungen, Betriebe, aber auch Privatleute, die mögliche Baustellen anmelden. „Das Projekt kommt zu uns“, bringt es Werkstattleiter Alexander Lang auf den Punkt. Stuckateurmeister Lang schlägt die Vorbereitungsmappe auf. Darin sind alle Vorschläge, Aufmaß, Daten, Zeichnungen, das Angebot und die Gespräche mit den Bauherren vermerkt. Schließlich soll die Prüfung einem Kundenauftrag entsprechen. Die Häuslesbauer in Weinsberg haben sich für geschwungene Formen im Wohnzimmer entschieden. „Es gibt auch modernen Stuck mit klaren, sauberen Linien“, will Ulrich Rank das vermeintlich angestaubte Image der Branche aufpolieren. Die reinen Putzarbeiten kosten bei diesem Objekt rund 3500 Euro. Mit den künstlerischen und zeitaufwändigen Stuckverzierungen summiert sich der Auftrag rechnerisch auf 19 669 Euro. Das Ehepaar zahlt aber wegen der Prüfung wesentlich weniger: Material und Prüfungsgebühren.
Ruhige Hand Rund 20 Sack Alabastergips (600 Kilogramm) verarbeiten die vier Männer in Weinsberg zu fast 100 Meter Stuck. Mit Schablonen ziehen sie die Stäbe, gerade Formen, gegenläufige Bögen. Sie werden auf die vorgezeichneten Striche unter der Decke geklebt, dann zugeputzt.
Eine ruhige Hand und gutes Augenmaß brauchen auch Peter Scheidel (20) aus Viernheim und Christian Rapp (24) aus Ulm. Beide Juniorchefs. Ihre Väter haben vor rund 30 Jahren ihren Meister in Heilbronn gemacht. „Es läuft ganz gut, wir haben uns eingeschafft“, sagt Scheidel zuversichtlich. Auch die Lehrer sind zufrieden. Seit 15 Jahren gehört Ulrich Rank der Prüfungskommission an. 100 Punkte sind das Maximum, durchschnittlich erreichen die künftigen Meister 70 bis 80 Punkte.
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