Stimme+
Zur Merkliste Lesezeichen setzen

Loverboys werden zu Zuhältern

   | 
Lesezeit  5 Min
Erfolgreich kopiert!

Im Interview mit Autorin Barbara Schmid: Elf Jahre lang wurde Katharina M. von ihrer ersten großen Liebe zur Prostitution gezwungen. So hat sie es aus der Abhängigkeit rausgeschafft.

Sie schleichen sich an Mädchen ran und reden von Liebe. Doch Loverboys haben nur ein  Ziel: junge Frauen in die Prostitution zu treiben. Katharina M. wurde von ihrem Reitlehrer manipuliert und elf Jahre lang auf den Strich geschickt. Das erste Mal mit 17. Gemeinsam mit der Journalistin Barbara Schmid schrieb die heute 38-Jährige das Buch „Schneewittchen und der böse König“ und will so die Aufklärung über die heimtückische Masche vorantreiben. Stimmt!-Redakteurin Milva-Katharina Klöppel sprach mit Barbara Schmid darüber, wie es Männer schaffen, junge Frauen emotional so abhängig zu machen, dass sie am Ende ihren Körper verkaufen.

Was ist Katharina passiert?                                                                   

Ihren 22. Geburtstag feiert Katharina im Club Eurotica in Bayreuth. Foto: privat
Ihren 22. Geburtstag feiert Katharina im Club Eurotica in Bayreuth. Foto: privat

Barbara Schmid: Katharina stammt aus einer gutbürgerlichen Familie – Vater Rechtsanwalt, Mutter Kindergärtnerin, vier Kinder, schönes Haus, alle sind sportbegeistert. Als Katharina zehn Jahre alt ist, erfährt die zwei Jahre jüngere Schwester von einem Reitstall in der Nähe. Die Mädchen sind fasziniert und fühlen sich dort super wohl. Was niemand weiß: Der Reitlehrer, den alle Reitschülerinnen angehimmelt haben, weil er cooler war als die Väter zu Hause, ist in Wahrheit ein Zuhälter. Einer, der seine Ehefrau, die Mutter seiner Kinder, auf den Strich schickt. Und sich dann, als die Frau nicht mehr ganz so jung war, nach einem neuen Opfer umgeschaut hat. Das war Katharina.

Und dann beginnt das Martyrium?

Schmid: Ja, Katharina musste für ihn anschaffen gehen. Er hat das mit einem ganz fiesen Trick erreicht, mit der Loverboy-Methode. Ein Mann, meistens sind es junge Männer, bringt  ein Mädchen dazu, sich in ihn zu verlieben. Sie holen die Mädchen in ihrer Bedürftigkeit ab: Katharina träumte von einem eigenen Reitstall, weg von den Eltern, einem kleinen Hund, den sie zu Hause nicht haben durfte. All das hat er ihr versprochen. Für Katharina schien ein Traum in Erfüllung zu gehen. Doch dann stellen diese Männer Forderungen.

Inwiefern?

Schmid: Sie sagen zum Beispiel „Wenn wir eine gemeinsame Zukunft haben sollen, dann musst du etwas für uns tun. Dafür brauchen wir Geld“. Es gibt ganz unterschiedliche Geschichten, aber immer geht es ums Geld. Und dann kommt die vermeintlich einfache Lösung: „Prostitution ist ein toller Job, da kannst du ganz schnell viel Geld verdienen. "Tu es für uns und unsere Zukunft“, und dann schnappt die Falle zu. Katharina hat für den Reitlehrer in elf Jahren mehr als eine Million Euro verdient. Sie hat ganz furchtbare Dinge machen müssen. Sie hat sieben Tage die Woche gearbeitet, auch an Weihnachten und an ihrem Geburtstag. Am Ende war sie alkoholkrank und schwer traumatisiert.

Ist Katharina damit ein extremes Beispiel oder gibt es diese Vorfälle häufiger als man denkt?

Schmid: Jeder Staatsanwalt, Richter oder aber auch Polizist, mit dem ich in den vergangenen sechs Jahren gesprochen habe, kannte solche Fälle. Die Loverboy-Methode ist sehr verbreitet. Die Täter suchen ihre Opfer auch gerne im Umfeld von Schulen aus.

Aber wie kann so etwas passieren?

Schmid: Die Männer docken genau im richtigen Moment bei den Mädchen an, die in der Pubertät sind, die noch unsicher sind und sich oft unattraktiv fühlen. Plötzlich kommt da ein ganz toller Kerl und sagt ihnen, du bist die Schönste und mit dir möchte ich mir eine Zukunft aufbauen. Sie gaukeln ihnen Liebe vor und versprechen die Erfüllung ihrer größten Wünsche.

Wobei bis zu dem Punkt ja noch nichts Schlimmes passiert ist.

Schmid: Richtig, aber das Mädchen hängt schon an der Leine, die der Täter ausgeworfen hat. Darum möchte Katharina mit diesem Buch junge Mädchen warnen und aufmerksam machen: Wenn ein Mann, den ihr glaubt zu lieben, kommt und sagt, du musst jetzt für mich anschaffen gehen, dann beendet sofort diese Beziehung. Niemand, der einen liebt, der es ernst meint, verlangt so etwas von seiner Freundin.

Wie kann ein Mann so etwas überhaupt von einer Frau einfordern?
Schmid: Darüber habe ich lange mit der forensischen Psychiaterin Dr. Nahlah Saimeh gesprochen. Für sie sind Loverboys Psychopathen. Das sind Menschen, die völlig gefühllos sind. Sie sehen in ihrem Opfer nur die Möglichkeit, schnell und einfach sehr viel Geld zu verdienen. Wie bei Katharina, aber auch in ganz vielen anderen Fällen, steckt das Mädchen in der Pubertät, die Persönlichkeit ist noch nicht richtig entwickelt. Sie haben noch keine Erfahrung mit Beziehungen und fallen auf die Liebesschwüre rein. Damit ihre Methode funktioniert, machen diese Männer noch etwas anderes: Sie schälen das Opfer aus seinem bisherigen Bezugskreis heraus. Am Ende gibt es keine Freundinnen, keine Eltern mehr, die Einfluss nehmen könnten.

Wie funktioniert so etwas?

Die Zeichnung entstand als Kaharina vor sechs Jahren in der Therapie war. Sie zeigt ihre gespaltene Persönlichkeit: Die Hure Sonja. Ihr Pseudonym, greift zur Flasche und unten hockt das verletzte Mädchen Katharina. Foto: privat
Die Zeichnung entstand als Kaharina vor sechs Jahren in der Therapie war. Sie zeigt ihre gespaltene Persönlichkeit: Die Hure Sonja. Ihr Pseudonym, greift zur Flasche und unten hockt das verletzte Mädchen Katharina. Foto: privat

Schmid: Bei Katharina hieß das, deine Eltern sind böse. Deine Mutter will dich wegsperren. Kleine Probleme, die wohl alle Heranwachsenden mit ihren Eltern haben, wurden aufgebauscht. Das Vertrauen in die Eltern wurde planmäßig zerstört. Kontakt zu den Freundinnen war unerwünscht. Am Ende gab es nur noch den Täter, als einzige Bezugsperson.

Sind alle Mädchen gleich anfällig?

Schmid: Es werden bewusst Mädchen gesucht, die Probleme mit dem Heranwachsen haben. Bei Katharina war die Abhängigkeit vom Täter, die Hörigkeit am Ende so groß, dass ihre Eltern über viele Jahre keine Chance hatten, sie aus dem Milieu zu befreien. Katharina kam aus wohlbehüteten Verhältnissen.

Wie ergeht es anderen Frauen?

Schmid: Prostitution ist der gefährlichste Beruf für Frauen überhaupt. Viele Frauen sehen nur noch den Ausweg, sich umzubringen. Seit 2000 wurden in Deutschland fast 100 Prostituierte von ihren Freiern, Ex- Freunden oder Zuhältern umgebracht. In Schweden, wo Prostitution verboten ist, kam in der gleichen Zeit keine einzige Frau aus dem Milieu ums Leben.

Versagt die Gesellschaft da?

Schmid: Ich bin immer noch fassungslos darüber, wie naiv die Politik mit diesem Thema umgeht. Rot-Grün hat 2001 die Liberalisierung der Prostitution durchgesetzt und hatte dabei das Idealbild der selbstbestimmten Sexarbeiterin im Sinn. Selbstbestimmt sind aber die wenigsten, die in diesem Gewerbe arbeiten. Deutschland ist zum Bordell Europas geworden und bietet Zuhältern fantastische Verdienstmöglichkeiten. Katharina konnte sich keinen Freier aussuchen. Sie schätzt, dass sie in den elf Jahren 25 000 Kunden hatte. Anfangs 20 Männer und mehr am Tag. Vor Corona brachte eine Nummer mit Kondom 15 Euro, ein Zimmer in einem Laufhaus kostete täglich um die 100 Euro. Das soll ein guter Job sein? 90 bis 95 Prozent der etwa 400 000 Prostituierten in Deutschland machen es nicht freiwillig. Wir haben es hier mit mehreren hunderttausend Zwangsprostituierten zu tun.

Wie geht es Katharina heute?

Schmid: Katharina ist eine starke Frau. Sie hat ihren Schulabschluss nachgeholt, eine Ausbildung gemacht und arbeitet inzwischen als Steuerfachangestellte. Das ist ein ziemlich anspruchsvoller Beruf. Privat hofft sie, auch einmal einen Partner zu finden, dem sie vertrauen kann. Sie ist immer noch traumatisiert. Die Maskenpflicht bereitet ihr gerade große Probleme. Sie ist weiter in ärztlicher Behandlung und die Narben auf ihrer Seele werden bleiben. Katharina und ihre Familie haben wieder zueinander gefunden. Das ist ganz wichtig für sie, und es ist ein tolles Vertrauensverhältnis entstanden.

Wie kann ich Betroffenen helfen? 

Was kann eine Familie tun, damit ihre Tochter nicht in die Fänge eines Loverboys gerät? Eltern müssen mit ihren Kindern über Sexualität reden - ganz offen. Ernstnehmen, wenn sich ein Mädchen zur Frau entwickelt, keine Scham haben. Den Kindern das Vertrauen geben, dass man über alles reden kann. Das ist ganz wichtig. Beobachten, verändert sich
mein Kind, spricht es nicht mehr mit mir? Hat es ein Geheimnis? Sich genau anschauen, in welchem Freundeskreis sich das Mädchen bewegt?

Das Buch von Katharina M., in dem sie von ihrem  Schicksal berichtet.
Das Buch von Katharina M., in dem sie von ihrem Schicksal berichtet.

Und wie können Freunde reagieren? Viele finden es ja vielleicht erstmal beneidenswert, wenn die Freundin einen älteren Freund hat, der ihr schicke Klamotten kauft und ein dickes Auto fährt.

Wenn Freundinnen eines solchen Mädchens Zweifel bekommen, sollen sie erstmal mit dem Mädchen selbst darüber reden. Wenn das nicht mehr mit ihnen sprechen will und sich aus ihrem bisherigen Freundeskreis zurückgezogen hat, dann ist das ein Alarmsignal! Dann müssen sie sich Hilfe suchen. Gibt es an der Schule jemanden, dem sie vertrauen können, zum Beispiel einen Vertrauenslehrer? Sonst googeln, welche Hilfsangebote und Hilfsvereine für Mädchen in Not es in ihrer Nähe gibt.

Hilfe vor Ort 

Das Diakonisches Werk Heilbronn, Fachberatungsstelle für Betroffene von Menschenhandel, ist rund um die Uhr telefonisch erreichbar, unter 07131 3901491. Außerdem gibt es noch den Hilfsverein Sisters e.V. aus Stuttgart, der Frauen in der Prostitution dabei hilft auszusteigen. Erreichen könnt ihr sie telefonisch unter 0151 57754553 oder per E-Mail an mail@sisters-ev.de.

Buch-Tipp

Das Buch „Schneewittchen und der böse König“ von Katharina M. (aufgezeichnet von Barbara Schmid) ist im MVG Verlag erschienen. Es kostet 16,99 Euro und beschreibt die Geschichte von Katharina schonungslos.




Kommentare öffnen
Nach oben  Nach oben