Lieber kein Anruf: Immer mehr Jugendliche haben Angst vor spontanem Sprechen
Jugendliche meiden immer mehr das Telefon, weil ihnen spontanes Sprechen schwerfällt. Das Ganze hat auch einen Namen: Telefonphobie. Wie denken junge Menschen aus der Region darüber?

Das einst so beliebte Kommunikationsmittel Telefon wird teilweise immer mehr gemieden. Der Grund: Telefonphobie – ein Begriff, der mir bis vor Kurzem fremd war. Viele Menschen sind angeblich sehr nervös vor und während des Telefonierens.
Für manche ist Telefonieren wohl einfach Old School, daher nutzen junge Menschen zum Kommunizieren oft andere Wege. Aber eigentlich ist es gar nicht so verwunderlich, dass auf andere Mittel ausgewichen wird. Wenn ich telefoniere, muss ich in Echtzeit reagieren. Ich muss spontan und flexibel sein. Das ist nicht immer leicht.
Telefonphobie: Wer sich seiner Angst stellt, profitiert in vielerlei Hinsicht
Aber sind genau jene Eigenschaften nicht wichtig für unsere sozialen Interaktionen? Profitieren wir nicht davon, je häufiger wir direkt handeln müssen? Wir verlieren Hemmungen, werden offener und haben auf Dauer weniger Angst, auf andere zuzugehen. Wie oft macht man sich unnötig Gedanken, was alles passieren könnte, anstatt einfach den Hörer in die Hand zu nehmen und sich einem Gespräch zu stellen. Meist kommt es anders als wir denken und oft weniger erschreckend oder unangenehm, als wir es uns ausmalen.
Interessant ist, dass in der IJM-Studie von 2023, die die Nutzung von Medien der Jugendlichen untersucht hat, telefonieren nicht als eigene Rubrik aufgelistet ist. 1200 Jugendliche im Alter zwischen zwölf und 19 Jahren wurden befragt. Das Ergebnis: Telefoniert wird mit dem Handy, weniger mit dem Festnetz im Vergleich zu früher.
Und: Telefonieren ist Teil verschiedener Bereiche wie Freizeitaktivitäten, Medienbeschäftigung oder Information und Nachrichten. Es scheint nicht den Stellenwert zu haben, dass man es wie „TV, YouTube, Netflix & Co.“ oder „WhatsApp und Social Media“ gesondert auflisten muss. Telefoniert ihr gern? Stimmt!-Schreiberin Muriel hat bei Freunden und Bekannten nachgefragt.
Muriel Pechtl, 20, Bad Rappenau ist pro Telefonieren: Man umgeht Missverständnisse

Ich rede und erzähle für mein Leben gern, daher habe ich kein Problem mit Telefonieren. Am meisten freue ich mich über Anrufe von meiner Oma, wenn sie sich nach mir erkundigt und wissen möchte, was so Neues bei mir ansteht. Wenn ich unter der Woche nicht zu Hause bei meinen Eltern bin, kommt es öfters vor, dass ich auch mal mit meinen Eltern oder meiner Schwester telefoniere. Arzttermine ausmachen, mich erkundigen und an Informationen gelangen, geht manchmal schneller mit dem Telefon als per Mail, und man muss nicht alles abtippen.
Meine Freunde wohnen nicht alle in meiner Nähe, daher bin ich froh, wenn ich manchmal einfach zum Handy greifen und sie anrufen kann. Wenn man mal in Konflikte gerät ist es auch besser, einfach zu sprechen, anstatt sich übers Handy auszutauschen und im schlimmsten Fall misszuverstehen. Man erleichtert sich das Leben, wenn man direkt miteinander spricht. Auch bei Kleinigkeiten, die scheinbar unkompliziert wirken und eigentlich mit einer kurzen Nachricht geklärt werden können, erlebe ich es oft, dass eine Absprache am Telefon schneller geht und zielführender ist.
Ella Gindele, 20, Bad Wimpfen ist contra Telefonieren: Mimik und Gestik fehlen

Ich telefoniere nicht so gern. Ich mag es nicht, wenn ich unterbrochen werde und beim Hörbuchhören oder im Unterricht beziehungsweise in der Vorlesung gestört werde. Außerdem finde ich es anstrengend, wenn man beim Arzt anruft und ewig in der Warteschleife hängt. Bei Terminen weiß man oftmals nicht, wer sich am anderen Ende der Leitung befindet. Man kann nicht vorausdeuten, wie die Person reagieren wird, weil man Mimik und Gestik nicht direkt vor sich hat.
Ich muss mich vor dem Telefonieren immer kurz sammeln und mich innerlich darauf vorbereiten, dass ich jetzt ein Gespräch führe, während ich im Zimmer auf und ab gehe. Es stört mich, wenn im Hintergrund laute Geräusche sind oder die Verbindung schlecht ist, so dass man nur die Hälfte verstehen kann. Eine kurze Nachricht geht meistens schneller und ist unpersönlicher. Durch das Telefonieren verbraucht man oft mehr Handyakku, was etwas nervig ist. Generell möchte ich sagen, dass ein persönliches Gespräch immer besser ist, aber eine kurze Nachricht oder Voicemail reicht bei kleineren Absprachen auch aus.
So denken Jugendliche aus der Region übers Telefonieren
Solveig Montgillard, 19, Heidelberg: Direktes Sprechen ist authentischer
Ich telefoniere gern, weil man Freundschaften und Beziehungen zu seiner Familie pflegen und am Leben halten kann, obwohl man diese Menschen oft lange nicht sieht. Es ist eine bessere Alternative zu WhatsApp, weil man nicht nur aneinander vorbeiredet und nicht nur auf eine Nachricht reagiert, die vor drei Stunden geschickt wurde. Denn man spricht im Moment miteinander, was das Ganze natürlich viel authentischer macht.
Außerdem kann man telefonieren auch nebenbei machen und mit seinen Freunden Zeit verbringen, ohne den Standort wechseln zu müssen. Videotelefonate sind auch super, weil man noch mehr den Effekt von der Präsenz der anderen Person hat. Meine beste Freundin ist gerade in Spanien. Dadurch kann ich sehen, wo sie lebt, wie sie lebt und im Moment dabei sein, wenn etwas passiert. Sie kann mich einfach anrufen und mir zeigen, wo sie sich gerade aufhält. Ich habe somit das Gefühl, ich wäre mit dabei.
Sarah Hofmann, 20, Bad Rappenau: „Es ist nicht tragisch, wenn man sich mal verspricht“
Ich telefoniere gern und scheue mich nicht davor, jemanden anzurufen. Ich weiß, dass die Person am Ende der Leitung mich sowieso nicht sehen kann, also kann nichts passieren, und es ist auch nicht tragisch, wenn man sich mal verspricht. Früher war ich schüchterner, da fiel es mir nicht immer leicht, mit verschiedenen Personen zu telefonieren, aber mittlerweile stellt es für mich kein Problem mehr da. Ich bin kommunikativ und unterhalte mich gern. Es kann passieren, dass ich mich aufrege, wenn ich vergesse, jemanden anzurufen, aber in der Regel denke ich daran, wenn ich einen Anruf tätigen muss.
Lenny Bahnmüller, 19 Bad Wimpfen: Telefonieren erleichtert die eine oder andere Situation
Durch das Telefonieren bin ich schnell auf dem neuesten Stand meiner Freunde und bekomme mit, was bei ihnen gerade so im Leben ansteht, auch wenn ich sie nicht regelmäßig sehen kann. Für mich ist Telefonieren zudem das beste Mittel, mitzubekommen, was es zu Hause Neues gibt, weil ich unter der Woche nicht in der Heimat bin. So können mich meine Familie und meine Freunde in der Heimat immer updaten. Manchmal fällt es mir auch leichter, bestimmte Themen am Telefon anzusprechen, bei denen man im persönlichen Gespräch eine größere Hemmschwelle hat oder es sich einfach nicht traut, direkt ins Gesicht zu sagen und es angemessen rüberzubringen.
Lisanne Köllner, 21, Bad Rappenau: Audios als Alternative für mehr Input
Es kommt ganz darauf an, wo ich gerade bin. Schreiben ist etwas Zeitunabhängiges, und das ist auch das Schöne daran. Wenn man beispielsweise eine E-Mail schreibt, bekommt man eine Antwort, sobald die andere Person Zeit hat, diese zu lesen. Ich schreibe gern E-Mails, weil man einfach antworten kann, wenn man gerade Kapazitäten dafür hat und es in den Ablauf reinpasst. Vor allen Dingen ist dies auch hilfreich, weil es manchmal schwierig ist, jemanden telefonisch zu erreichen, wenn es beispielsweise um Öffnungszeiten eines Arztes geht.
Mit Freundinnen telefoniere ich selten. Es sei denn, es geht um Dinge, die man schnell und zeitnah abklären muss oder einfach um Kleinigkeiten. Für das gegenseitige Updaten nutze ich gern Audios, weil man da viel Input hineingeben kann und die andere Person kann es sich jederzeit nach Belieben in Ruhe anhören. Wenn es um komplizierte Angelegenheiten geht, telefoniere ich an sich lieber. Aber wenn es online geht oder per Mail machbar ist, dann bevorzuge ich Schreiben oder Audios-machen. Während der Arbeit ist es etwas anders. Ich schreibe dort ganz viele Mails und telefoniere auch, wenn es nur um Kleinigkeiten geht, weil ich es schnell geklärt und eine Antwort haben möchte.
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