Vom Neckar an die Neretva

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World College Saskia Brechenmacher besucht eine Schule in Mostar

Von Gertrud Schubert
„Ich wäre auch nach Hongkong gegangen.“ Doch die Brücke von Mostar faszinierte Saskia auf den ersten Blick.
          Foto: Tom Dubravec
„Ich wäre auch nach Hongkong gegangen.“ Doch die Brücke von Mostar faszinierte Saskia auf den ersten Blick. Foto: Tom Dubravec

Bosnien?“ Saskia Brechenmacher (17) ist ganz ehrlich: „Ich wusste gar nichts, außer dass da mal Krieg war.“ Jetzt lebt die junge Lauffenerin in Mostar und besucht mit 92 Jugendlichen aus aller Welt das United World College (UWC). Nur ein Jahr lang gab das polyglotte Mädchen ein „Gastspiel“ am Justinus-Kerner-Gymnasium in Heilbronn. Über Weihnachten war sie zuhause.

Zwei Fragen begleiten Saskia, seitdem sie im April 2006 Freund- und Bekanntschaft eröffnete, dass sie die nächsten zwei Jahre in Mostar verbringen würde. Die Jugendlichen hier wollen wissen, „warum gehst du nach Bosnien?“ und hängen gleich noch ein „Ist-das-nicht-gefährlich?“ dran. Die neuen Freundinnen und Freunde fragen dasselbe, bloß andersrum: „Warum kommst du nach Bosnien?“ Die Antwort ist einfach und doch unverständlich: Eigentlich wollte Saskia ja in ihr Traumland England. Als ihr bei der UWC-Vorstellungsrunde aber Bilder von Bosnien und dem neuen UWC im alten, restaurierten Gymnasium von Mostar gezeigt wurden, haben ihr Land und Stadt ausnehmend gut gefallen. Also setzte sie die Stadt mit der wiederaufgebauten Brücke über die Neretva auf ihre Prioritätenliste - und landete dort. Alles Weitere ergab und entwickelte sich hochspannend: „Ich fühle mich dort mehr zuhause als ich mich je gefühlt habe.“ Was ihre Eltern wohl zu diesem Bekenntnis sagen? Saskia lacht: „Die verstehen das.“

Das unbeschreiblich großartige Zuhause ist die Nähe zu den Jugendlichen aus so vielen Ländern. Anfangs dachte sie: „Ein Junge aus dem Irak - o Hilfe“, was der wohl erlebt hat? 60 Bosnier, Kroaten und Serben besuchen das UWC in Mostar. Im selben Gebäude ist aber auch das städtische Gymnasium: Morgens kommen hier die Kroaten, mittags die Bosnier zum Unterricht. Anders in der internationalen Schule: Israeli und Palästinenser, Kurde und Türke, Russe und Weißrusse und Pole leben und lernen - voneinander. Und nur zwei Deutsche sind dabei.

Ihre gemeinsame Sprache ist Englisch, ihr schulisches Ziel das IB, das Internationale Baccalaureate. Kurios, dass es Ausländern, nicht aber Saskia die Tür zu deutschen Universitäten öffnet. Aber das bekümmert sie nicht. Sie hat ja ihren Traum: England. Dort will sie Politik und internationale Beziehungen studieren.

Was sie jetzt ganz praktisch erlebt. Was man sonst nur im Fernsehen mitkriegt, ist plötzlich für den Menschen, der einem gegenüber sitzt, persönliche Erfahrung. Das Ungewöhnliche wird überraschend selbstverständlich. Die Beobachtung und das Miterleben des Fremden, Anderen ist Alltag. Spannend wie sich im Geschichtsunterricht - die Lehrerin ist Finnin, also „Balkan-Lernende“ - und Leben alles immer wieder auf den Balkan bezieht. Fragen nach dem Krieg, nach der Trennung der Ethnien, werden von den neuen Freunden meist abgewehrt: „Als Ausländer ist es schwer zu verstehen, versuche es lieber nicht.“ Saskia versucht es trotzdem.

Sieben Jahre in Frankreich, jetzt in Bosnien: Saskia Brechenmacher.
Sieben Jahre in Frankreich, jetzt in Bosnien: Saskia Brechenmacher.
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