Als die Fahrlehrer noch Rüschenhemden trugen
Erinnerungen an die späten 60er Jahre - Peter Richter bildete in vier Jahrzehnten mehr als 2000 junge Menschen aus

Von Joachim Friedl
Es ist die Zeit der Schlaghosen, der schrillen Herrenhemden mit Rüschen, Hippiekleidern und bunten Strickmützen. Aus den Radios dudelt nonstop „Let it be“ von den Beatles, „Du“ von Peter Maffay und „Waterloo“ von Abba. Die Ära der frühen 70er Jahre hat gerade erst begonnen - und Peter Richter ist mit seinem Fiat 124 mit starken 75 PS auf den Straßen von Heilbronn tagein, tagaus unterwegs.
„Waren das Zeiten! Die Straßen waren im Vergleich zu heute leer. Und es war alles nicht so bürokratisch. Es war alles sehr viel lockerer,“ erinnert sich Peter Richter, der in jetzt 40 Jahren als Fahrlehrer weit über 2000 jungen Menschen, darunter die Tochter des ehemaligen Bundesministers Erhard Eppler und Käthchen Ute Maierl (1981), das Autofahren beigebracht hat. Durchgefallen sind in diesen vier Jahrzehnten nur wenige Fahrschüler, „verschlissen“ wurden dagegen bis heute 40 Fahrzeuge.
Ein halbes Dutzend Unfälle, zumeist leichtere Kollisionen mit dem Vordermann, sind im Fahrtenbuch von Peter Richter vermerkt. An einen Crash erinnert sich der 62-Jährige, als ob es gestern gewesen wäre: „Wir waren mit meinem neuen BMW 1602er auf der Allee unterwegs, als der Fahrschüler aus bis heute unerklärbaren Gründen voll das Gaspedal durchtrat. Meine Reaktion: Ich stand mit beiden Füßen auf der Bremse. Die Folge: Der Motor drehte so hoch, dass nur noch der Schrotthändler Freude hatte.“
Seine Lebensfreude und seine bei Fahrschülern geschätzte Lockerheit verlor der am 29. Mai 1944 in Zerbst bei Magdeburg geborene Peter Richter nicht. Den Weg in den Westen fanden er und seine Eltern 1960, ein Jahr vor dem Mauerbau. Sein Blick zurück: „Als Ablenkungsmanöver waren meine Eltern zu einer vermeintlichen Silberhochzeit gefahren, ich wählte den Weg illegal über die Grenze“.
Was folgte, war eine Lehre als Kfz-Mechaniker bei Assenheimer, die Ausbildung in einer Panzereinheit in Walldürn und die Erfüllung des Berufswunsches, Fahrlehrer zu werden. Nach fünf Jahren Bundeswehr heuerte Richter zunächst als Aushilfe bei der Fahrschule Fischer in Bad Wimpfen an. Zwei Jahre später, es war Anfang der 70er, stieß er zum „Roessel-Team“ in der Frankfurter Straße. Fahrlehrer wie Dieter Wolf, der später lange Jahre HEC-Schatzmeister war, Rudi Lipps, Wolfgang Suchanek, Heribert Goal, Horst Klamp, Hans Dieter Schweingruber der Chef Kurt Roessel und Klaus Roessel jr. bildeten eine eingeschworene Mannschaft - und mittendrin Peter Richter. „Wir hatten unheimlich viel Spaß“, bewertet er jene turbulenten Jahre in der Rückschau.
Selbstständig machte sich der begeisterte Tennisspieler, der heute bei den 55ern beim TC Nordheim aktiv ist und ab und zu von den 40ern“ ausgeliehen wird, im Jahre 1978. Der Seminarleiter für fahr- und punkteauffällige Autofahrer richtete sich in den eigenen vier Wänden in Nordheim Fahrschulräumlichkeiten ein, und hielt über eine Zweigstelle in Böckingen Kontakt in die kleine Großstadt Heilbronn. Seit gut zwei Jahren betreibt der Freund guter Rotweine eine Filiale in Lauffen. Die Räume in Böckingen hat der Fahrlehrer aller Klassen aufgegeben.
Auch im 41. Jahr und darüber hinaus wird die Fahrschul-Ära Richter Bestand haben. Tochter Sandra macht gerade den Fahrlehrer. Die jüngere Tochter Silke hat sich anders orientiert. Zwei Fahrlehrer in der Familie scheinen genug - vor allem, wenn sie so umtriebig sind wie Vater Peter und Tochter Sandra.


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