Weihrauch bleibt in Kirchen erhalten
Unterländer reagieren besonnen auf neue Feinstaub-Studie in Gotteshaus - Experten entwarnen

Von Carsten Friese
Als er die Meldung über die Studie las, hat der Heilbronner Monsignore Wolfgang Westenfeld den Kopf geschüttelt. „Kurios“ empfand der Pfarrer von St. Peter und Paul das, was der Forscher da in Nordrhein-Westfalen erkundet hatte - einen Feinstaub-Wert, der an Heiligabend in einer Mülheimer Kirche um mehr als das Vierfache über dem offiziellen Tagesgrenzwert lag.
„Die Zeiten sind lange vorbei, als man Weihrauch in Schwaden durch die Kirche verteilt hat“, sagt Westenfeld. Nach dem zweiten Vatikanum von 1965 habe die katholische Kirche vieles vereinfacht. Nur zu besonderen Anlässen, Weihnachten, Ostern, Pfingsten, Fronleichnam, zu Hochämtern werde Weihrauch heute eingesetzt. „Rund 80 Prozent der Sonntagsgottesdienste“, überschlägt Westenfeld, „sind ohne Weihrauch.“ Am dosierten Einsatz will er jedenfalls festhalten.
Unterstützung erhält die Kirche vom Heilbronner Lungenfacharzt Dr. Gerhard Stöckle. Er hat noch nie einen Patienten erlebt, der mit Atem- oder Kreislaufbeschwerden nach einem Weihrauch-Gottesdienst zu ihm kam. „Ich glaube nicht, dass die Kirche nun auf Weihrauch verzichten muss“, sagt der Mediziner. Gottesdienste dauern zwischen 60 und 75 Minuten, die Belastung sei relativ kurzzeitig. Konkrete Dauerschäden für Gottesdienstbesucher sieht Stöckle nicht. Seine Empfehlung: nach großen Veranstaltungen mit Weihrauch die Kirche gut lüften.
„Man sollte die Messlatte nicht zu hoch hängen“, beruhigt auch Dr. Bernhard Link vom Landes-Gesundheitsministerium. Feinstaub-Grenzwerte von Industrie- und Autoabgasen seien nicht einfach auf Innenräume übertragbar. Es gehe um ganz andere Quellen und Zusammensetzungen. Studien zu Gesundheitsbelastungen von Weihrauch kennt er nicht. Man sollte sich zwar nicht unbedingt übermäßig in Weihrauch stellen. Aber normale Gottesdienste seien sicher nicht das Problem. „Sonst müsste man auch noch bei Christbäumen mit Kerzen anfangen zu messen.“
„Weihrauch steigt doch nur ganz kurz auf. Das andere aber sind Grenzwerte für ein Tagesmittel“, wundert sich Pfarrer Thomas Müller über die Vergleiche. Der Pfarrer, der für Obersulm, Löwenstein und Wüstenrot zuständig ist, hält dem Weihrauch die Treue. Zu besonderen Anlässen wird es ihn weiterhin geben - Studie hin oder her.
Eifriger Kirchgänger ist er, und bei feierlichen Anlässen möchte Heilbronns Stadtrat Horst Reinecker (69) auf Weihrauch auch in Zukunft nicht verzichten. „Die fünf Minuten im Gottesdienst wird jeder überstehen.“ Über die Studie hat er nur geschmunzelt.
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