Sind es Bäume oder verkohlte Leichen?
Bewegender Erzähl-Salon in der Volkshochschule zum 60. Jahrestag der Zerstörung von Heilbronn

Als wäre es erst kürzlich gewesen, haben sie noch den Anblick der am Abend des 4. Dezember 1944 vom Himmel schwebenden "Christbäume" vor Augen, die den bevorstehenden Luftangriff auf Heilbronn zur Gewissheit werden ließen, und den "schrecklichen süßen Leichengeruch" in der Nase, der Tage lang über der Stadt lag.
Zum 60. Jahrestag der Zerstörung von Heilbronn hat Elisabeth Kübler am Totensonntag in den Räumen der Volkshochschule einen Erzähl-Salon mit fünf Zeitzeugen organisiert, die den 4. Dezember 1944 und die Tage danach nie vergessen werden und die - wie es beispielsweise der heute 69-jährige Herbert Fischer formuliert - nur den einen Wunsch haben: "Hoffentlich passiert so etwas im Leben nie wieder."
Kurz vor seinem zehnten Geburtstag hat Fischer den Abend des "wunderbar herrlichen Tags voll Sonnenschein" im Luftschutzkeller in der Wollhausstraße verbracht, hat erlebt, wie es draußen lichterloh brannte und sich 15 Nachbarn vor dem Verbrennen zu ihnen in den Keller retteten und fünf dennoch starben.Im selbst gebauten Bunker, der nach allen Richtungen schwankte, war die damals 16-jährige Lore Heinrich mit Eltern und Nachbarn gefangen, denn die ganze Lixstraße brannte.
Mit in Most getauchten Teppichen schützten sie sich und rätselten, warum ihnen niemand zu Hilfe kam. Noch ahnte niemand, dass nicht nur die Häuser in der Lixstraße, sondern die ganze Innenstadt den Bomben zum Opfer gefallen war. Tags danach kamen sie in einer Villa am Lerchenberg unter - nahe der vom NS-Kreisleiter Richard Drauz bewohnten Villa, der sich nie im Keller sehen ließ, sondern zur eigenen Sicherheit jeden Abend die Stadt verlassen hatte.An ein Erdbeben dachte die damals 22-jährige Anneliese Reischle im Keller im Südviertel, als die ersten Bomben einschlugen.
Erst am 5. Dezember hat sie "die ganze Katastrophe" gesehen. Verkohlte Bäume lagen vor der Post auf der Allee - es waren verbrannte Leichen.Die Angst vor dem Keller wurde für Werner Talmon noch viele Jahre zum Begleiter, der als achtjähriger Junge das "Flammenmeer" und das "totale Chaos" überlebt hatte.Am glutrot gefärbten Himmel über Esslingen erkannte Lore Hettenbach das Schicksal ihrer Heimatstadt. Als sie am Abend des 5. Dezember nach Heilbronn kam, brannte noch immer die Rosenau-Schule, auf der Wollhausstraße lagen Leichen im Regen, denen man einen Backstein unter den Kopf gelegt hatte, damit sie würdiger aussehen. Auf der Oststraße bis zur Unkenntlichkeit verbrannte Menschen. "Selig" war die 25-Jährige, als sie in der Lerchenstraße ihre Mutter gefunden hatte. "Sie lebte!"
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