Ruhe sanft - und möglichst billig

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Beerdigungsformen im Wandel: Mehr Feuerbestattungen und schlichtere Trauerfeiern in Heilbronn

Von Helmut Buchholz
Ruhe sanft - und möglichst billig
Ruhe sanft - und möglichst billig

Heinrich Schmidt will auf dem Heilbronner Hauptfriedhof nicht auffallen. Deshalb hat er die Urne mit der Asche der 94-Jährigen in eine rote Tasche gesteckt, deshalb hat er nur seine blassgrüne Dienstkleidung an, deshalb würden Passanten nicht glauben, dass der Krematoriums-Mitarbeiter gerade einen Menschen beerdigt. Doch es ist tatsächlich der letzte Gang für eine Frau, die keinen Grabstein bekommt, auf dem ihr Name steht. Heinrich Schmidt ist auf dem Weg zur Wiese mit der Nummer 48 - dem Grabfeld für anonyme Bestattungen.

140 Personen wurden auf diese billigste Weise beerdigt, die es in Heilbronn zu kaufen gibt. Rund 1200 Euro kostet das Feuer ohne Feier , wie die Variante im Friedhof-Fachjargon heißt. Klassische Erdbestattungen werden zum Luxus , bestätigt Daniel Alexander vom gleichnamigen Heilbronner Bestattungshaus den Trend zur Schlichtheit in seinem Gewerbe.

Den Fachmann, dessen Familie schon seit 32 Jahre im Unterland Menschen zu Grabe trägt, wundert das überhaupt nicht. Sie glauben gar nicht, wie viele Leute es gibt, die kein Geld haben. Der Sparzwang sei extrem und verständlich, bei Bestattungspreisen zwischen 5000 und 10 000 Euro - ohne Extrawünsche.

Die Folge: Die Hinterbliebenen ordern nur noch das Nötigste. Sie nehmen einen Pappel- statt Eiche-Sarg, das kleinere Blumenbukett oder verzichten ganz auf die Trauerfeier. Allerdings grenzt die Discountisierung der Beerdigungskultur für Alexander in manchen Fällen an Pietätslosigkeit: Einige fragten mich schon nach Pappsärgen aus Karton. Da mache ich nicht mit. Wir sind doch kein Entsorgungsbetrieb.

Daniel Alexander muss heutzutage sogar mit Inkasso-Büros zusammenarbeiten, um die Rechnung bei manchen Kunden einzutreiben. Früher waren die Beerdigungskosten Ehrensache, doch die Zahlungsmoral ist nicht mehr so toll. Die billigere Einäscherung wird jedenfalls auch in Heilbronn immer mehr zur Regel. Schon über die Hälfte der jährlich rund 1200 Beerdigungen auf Heilbronner Friedhöfen sind Feuerbestattungen. 1994 waren es noch 84. Und noch eines fällt auf: Die Menschen sterben einsamer, es gibt Trauerfeiern, zu denen kaum noch jemand kommt , berichtet Horst Mittelstadt vom Heilbronner Bestatter Schäfer & Appel aus seiner täglichen Arbeit. Das ist manchmal ganz schön traurig.

Martin Heier, der Leiter der Friedhöfe in Heilbronn, fürchtet zwar auch, dass mit der neuen Kargheit die Bestattungskultur zerbröselt. Indes könnte man diese Entwicklung auch als eine Suche nach persönlicheren Ritualen deuten. Denn ob die Trauerfeier wirklich Qualität hat, drückt sich nicht nur im üppigen Schmuck aus . Es gehe auch um persönliche Anteilnahme. Er habe einmal erlebt, dass ein Kind der Oma ein selbst gemaltes Bild mit ins Grab gab. Eine einzelne Rose, die mit Bedacht auf den Sarg fällt, könne mehr Ausdruck haben, als tausend Blumen.

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