Lange Arbeitszeiten drücken das Gehalt
Martin Gutjahr (31) verdient sich als Arzt am SLK-Klinikum Gesundbrunnen keine goldene Nase

Arzt zu werden, war sein Kindheitstraum. Er wolle helfen und heilen, nicht das große Geld verdienen, sagt er. Auf solch edle Gesinnung baut das deutsche Gesundheitswesen. Hierzulande werden die Ärzte schlechter bezahlt als im Ausland. Für eine bessere Bezahlung gingen die Mediziner auf die Straße und drohten mit Abwanderung ins Ausland.
Wieviel verdient ein Klinikarzt eigentlich? Gutjahr legt sein Einkommen gerne offen: Sieben Jahre hat der heute 31-Jährige Medizin studiert, im November 2003 kam er als „Arzt im Praktikum“ ans SLK-Klinikum Gesundbrunnen. Sein Anfangsgehalt: 1200 Euro brutto inklusive unbezahlter Überstunden. Seit Oktober 2004 ist er „Assistenzarzt in Weiterbildung“ und kriegt monatlich inklusive umgelegtem Weihnachts- und Urlaubsgeld 3500 Euro brutto. Dafür muss er 38,5 Wochenstunden arbeiten, pro Monat fallen etwa zehn Überstunden an, die er - wenn es geht - abfeiert.
Zusätzlich muss er Bereitschaftsdienste leisten: fünf bis sechs im Monat von 20 bis 24 Stunden Dauer (reguläre Tagesarbeitszeit inklusive). Lukrativ mit 440 Euro sind sie nur am Wochenende. Fällt der Bereitschaftsdienst auf einen Werktag, kommt nur ein Zehntel heraus. Alles in allem verdient der unverheiratete und kinderlose Mediziner über Bereitschaftsdienste noch einmal 800 bis 1000 Euro brutto dazu. Nach Steuern und Sozialabgaben verringert sich sein 4300 bis 4500-Euro-Verdienst auf netto 2200 bis 2600 Euro.
Noch weniger wert wird die Summe, wenn man die dafür eingebrachte Wochenarbeitszeit von 60 bis 80 Stunden dagegen setzt: Dann kommt der Jungmediziner auf einen Stundenlohn von plusminus 20 Euro. „Nicht viel weniger habe ich früher als Student und Ungelernter am Band verdient.“
Der Tarifabschluss des Marburger Bundes vom vergangenen Freitag bringt ihm persönlich 100 Euro im Monat mehr. Ihn ärgert, dass in der Öffentlichkeit von 13 Prozent für alle die Rede war. Auf diese Summe komme man nur, wenn man den viel schlechteren Verdi-Tarif vom Oktober zugrunde legt, gegen den die Ärzte mobil gemacht haben. Der Marburger Bund schreibt sich ein mit den kommunalen Arbeitgebern ausgehandeltes Gehaltsplus von drei bis fünf Prozent auf die Fahnen.
Ob Martin Gutjahr unter diesen Umständen noch weiter Arzt in Deutschland bleiben will? - „Ich lass mir die Option offen.“ Wie viel mehr müsste man verdienen, damit sich sein Berufsstand angemessen bezahlt fühlt? - Die Antwort kommt schnell: „30 Prozent“.
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