Kirche steht bei der WM nicht abseits
Heiliger Rasen, Wunderstürmer, Flankengott: Was hat Fußball mit Religion zu tun? Unterländer Pfarrer nehmen die Anspielungen als Denkanstoß. Die Geistlichen warnen aber auch vor Überhöhungen und Randerscheinungen.

So dreht sich am 18. Juni in der Horkheimer Heilig-Geist-Kirche alles um die Frage: „Wo ist Gott auf dem Spielfeld?“ „Vielleicht steht er tatsächlich im Tor und hält den Kasten sauber“, wirft Thomas Frey ein. „Vielleicht ist er aber Spielführer, Trainer oder Ausputzer? Oder hält er sich etwa ganz raus?“ Der katholische Priester, der an Fasching ganz locker als „Miss WM“ in Erscheinung trat, spielt den Doppelpass zwischen Leben und Leder gerne weiter: „Hier wie da läuft nichts ohne Regeln. Aber auch Teamgeist ist gefordert. Leider tappen manche ins Abseits oder spielen foul.“
„Fußball bringt die Menschen zusammen: über alle Grenzen hinweg.“ Das gefällt Helmut Kappes. In den 60ern war er Linksaußen der katholischen Vikarsmannschaft. Nach wie vor ist der Neckarsulmer Pfarrer von der Atmosphäre in den Stadien angetan. Negative Randerscheinungen will er nicht ausblenden. „Doch wir sollten eher das Positive sehen.“ Die Begeisterung der Fans und ihr Bekenntnis zum Verein: „Das hat was vom ersten Pfingstfest.“ Diesen Geist vermisst er bei modernen Christen.
Fußball hat zweifellos viele wunderschöne Seiten, weiß Pfarrer Günter Spengler aus Heilbronn. Leider würden diese aber oft kommerzialisiert und geradezu pervertiert: etwa im Körperkult, im Jugendwahn, in der Gewinner-Ideologie oder im Nationalismus. Insofern sei der Fußball mit seinen Randerscheinungen auch Spiegel der Gesellschaft und des Zeitgeistes. „Der WM wünsche ich, dass da nicht zu viele nationale Emotionen überkochen.“
Begriffe wie „Fangemeinde, Wunder von Bern, Schalke Unser oder heiliger Rasen von Wembley“ zeigen, dass Fußball auch zum Religionsersatz werden kann. Bei aller Freude am Spiel sollte man die Kirche im Dorf lassen, warnt der evangelische Pfarrer Michael Werner. Er erinnert an ein Wort Papst Johannes Paul II.: „Fußball ist die wichtigste unwichtige Sache der Welt.“
Werner, der in Amorbach und Löwenstein aktiv war und ab und an noch in der Württembergischen Pfarrerauswahl sowie bei der Aufbaugilde kickt, differenziert: Der Tanz um das runde Leder sollte nicht zur Religion hochstilisiert werden, „aber gerade bei Sport und Spiel erfahren wir Menschen uns als Geschöpfe Gottes“, sagt der Theologe: mit Stärken und Schwächen, mit Siegen und Niederlagen, mit Emotionen und Strategien. In einer zunehmend verplanten und professionalisierten Welt zeige das oft unberechenbare Spiel mit dem Ball: „Das Leben ist immer für Überraschungen gut. Und der Mensch hat nicht alles in der Hand.“
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