"Gefallene Mädchen", sagte man 1955
Die Heilbronner Mitternachtsmission wird 50 Jahre alt - Hilfe für Frauen am Rand der Gesellschaft

1955. Heilbronn ist Garnisonsstadt. Es gibt mehr als 1200 obdachlose Frauen, rund 250 beim Gesundheitsamt gemeldete Prostituierte und ungefähr ebenso viele Gelegenheitsprostituierte. Mit einer "Aktion zum Schutze arbeitsentwöhnter, nichtsesshafter, streunender Mädchen an Orten großer Truppen-Ansammlungen" will der Staat der zunehmenden Prostitution in Garnisonsstädten entgegenwirken. Der evangelische Kirchenbezirk Heilbronn richtet in der Sontheimer Straße 15 die "Auffangstelle" ein, die erste Station der heute in der Steinstraße 8 ansässigen Heilbronner Mitternachtsmission, die in ihrer Form landesweit einmalig ist.
"Da darf man sich nicht die klassische Prostituierte im Nerzmantel vorstellen", sagt Alexandra Gutmann, die seit fünf Jahren die Heilbronner Mitternachtsmission leitet. Die Frauen, um die sich ihre Vorgängerin Schwester Frida Knapp 1955 kümmerte, "waren Familienfrauen, die teilweise in den Ruinen der Stadt lebten und sich ihre Existenz sichern mussten". Die Mitternachtsmission bot ihnen Beratung bei persönlichen Problemen oder Hilfe zum Ausstieg aus der Prostitution an, notfalls auch eine Übernachtungsmöglichkeit. Während sich damals jede Prostituierte bei Gesundheitsamt und Sittenpolizei registrieren lassen musste, gibt es heute nur noch Schätzzahlen.
"Wir kennen namentlich und nichtnamentlich ungefähr hundert Frauen", sagt Alexandra Gutmann über diesen Zweig ihrer Arbeit, der auch nach 50 Jahren noch grundsätzlich derselbe ist: Immer zu zweit besuchen sie und ihre Kolleginnen die Frauen in Heilbronner Nachtclubs, Kneipen, Bars oder im Bordell, um Gespräche, Beistand und Hilfe anzubieten, wo sich sonst niemand kümmert. Manche nehmen das gerne an, andere nicht. "Es braucht manchmal Jahre, bis eine Frau Vertrauen zu uns fasst."
Mitten im Geschehen der Kneipen und Nachtclubs tun die Mitternachtsmissions-Mitarbeiterinnen ihre Arbeit, die einem christlich-ganzheitlichen Ansatz entspricht. Worüber sie mit den Frauen im Eros-Center reden? "Über Lebensfragen", sagt Alexandra Gutmann. "Gerade diese Frauen haben sehr viele Fragen: Wie gehe ich mit meinem Doppelleben um? Wie sieht Gott, was ich hier tue?"
2005. Aus der Mitternachtsmission heraus ist vor 40 Jahren die Beratungsstelle für Frauen und vor 26 Jahren das an geheim gehaltenem Ort betreute Frauen- und Kinderschutzhaus für Opfer häuslicher Gewalt entstanden. Außerdem bietet die Heilbronner Mitternachtsmission als landesweit einzige Beratungsstelle geheime Schutzunterkünfte für Frauen an, die Opfer von Menschenhändlern geworden sind. Es ist viel zu tun, und es gäbe noch mehr. Die sieben Mitarbeiterinnen arbeiten "ständig freiwillig an ihrer Leistungsgrenze", weiß Diakonie-Geschäftsführer Karl Friedrich Bretz, "weil sie die Not sehen".
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