Beinamputierte trainieren Nordic Walking
Wenn kleine Schritte große Sprünge sind - Seit März gibt es eine Nordic Walking-Gruppe für Beinamputierte in Heilbronn

Sie könnten eine ganz normale Rentnergruppe sein. Jeden Donnerstag treffen sie sich um 9 Uhr am Freibad Neckarhalde, um gemeinsam Sport zu treiben. Jeder Einzelne musste nach einer schwierigen Operation in seinem Leben ein zweites Mal das Laufen lernen.
Die Teilnehmer der Nordic-Walking-Gruppe sind regelmäßige Kunden eines Orthopädiehauses und haben gelernt, mit Oberschenkelprothesen, Orthesen oder künstlichen Gelenken zu leben - und wieder Sport zu treiben. "Immer nach vorne schauen", sagt Eva Möst, die Lauftrainerin oft zu ihren Schützlingen. "Immer nach vorne schauen", weil es den Bewegungsablauf verbessert. Und weil das Leben nach einer Amputation weitergeht.
Fast alle Mitglieder der Nordic-Walking-Gruppe humpeln, wenn sie normal gehen. Mit den Stöcken und den richtigen Anweisungen bekommt ihr Gang einen Rhythmus. Zyklisch kehrt die kantige Bewegung des ersetzten Beines immer wieder. Nicht alle laufen gleich schnell. Lorenz Weckert läuft meist ganz hinten. Sein Atem geht schnell, ab und an bleibt er stehen. Der 81-Jährige trägt zwei Knieorthesen, das heißt Verschalungen. 1945 wurde er im Krieg in Oberschlesien angeschossen. "Es ist anstrengend, aber es muss sein", sagt der Volkswirt zu seinem Training.
"Viele denken, nach einer Amputation sei alles vorbei. In einer Gruppe wie hier sehen die Teilnehmer, dass sie für ihre eigene Akzeptanz und Lebensqualität etwas tun können", sagt Harald Schmieg. Der Geschäftsführer des Orthopädiehauses Ohnmeiß weiß, wovon er spricht. Mit neun Jahren hatte er einen Autounfall, seitdem trägt er eine Oberschenkelprothese. Gemeinsam mit seinen Mitarbeitern hat er im März eine Nordic Walking-Gruppe für Beinamputierte ins Leben gerufen. Die Sportler können sich die federnden Laufstöcke leihen und zahlen 15 Euro für zehn Laufeinheiten.
Lauftrainerin Eva Möst läuft meistens rückwärts, um jeden ihrer Schützlinge - egal ob schnell oder langsam - im Blick zu behalten. "Ich freue mich jeden Donnerstag auf diese Gruppe. Sie sind hochmotiviert und ermutigen sich gegenseitig", sagt die 38-jährige Orthopädietechnikerin und Leichtathletin.
Einer aus der schnelleren Gruppe ist Günther Hofmann. Er trägt neue Turnschuhe, eine Regenjacke und Sonnenbrille. Um seinen Bauch ist eine Hüfttasche geschnallt, in der sich ein isotonisches Getränk und ein Kilometerzähler befinden. "Fast drei Kilometer sind wir heute gelaufen", informiert er seine Gruppe beim Ausdehnen. Mehr als beim letzten Mal. Da nicken alle mit dem Kopf. Es geht weiter.
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