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Als Kaltblüter für die Feldarbeit noch gefragt waren

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Pferdemarkt vor 50 Jahren: Der Billige Jakob lockte und ein Arbeitstier kostete bis zu 1800 Mark - Wichtiger Treffpunkt für Landwirte der Umgebung

Von Bärbel Kistner
Vor 50 Jahren gab es im Pferdemarkt-Monat Februar einen Kälterekord seit Aufzeichnung der Wetterdaten: Das Thermometer fiel in Heilbronn auf eisige minus 23 Grad! Dem Markt mit Verkaufsständen, Pferdhandel und Landmaschinen zwischen Oststraße und Allee tat ’s keinen Abbruch: Er war 1956 trotz geschlossener Schneedecke größer und belebter als je zuvor. (Fotos: Archiv)
Vor 50 Jahren gab es im Pferdemarkt-Monat Februar einen Kälterekord seit Aufzeichnung der Wetterdaten: Das Thermometer fiel in Heilbronn auf eisige minus 23 Grad! Dem Markt mit Verkaufsständen, Pferdhandel und Landmaschinen zwischen Oststraße und Allee tat ’s keinen Abbruch: Er war 1956 trotz geschlossener Schneedecke größer und belebter als je zuvor. (Fotos: Archiv)

Der Heilbronner Pferdemarkt ist seinem fünfzigsten Jahr größer und belebter als je zuvor.“ Das schrieb die Heilbronner Stimme vor 50 Jahren. Der Kollege nahm es dabei mit der historischen Wahrheit nicht so genau. Der erste Heilbronner Pferdemarkt war im Februar des Jahres 1770. Ein kleines Jubiläum gibt es 2006 aber dennoch zu feiern: Am 26. Februar vor 100 Jahren begann der 1. Heilbronner Pferdemarkt in der Innenstadt.

Ein Blick in die Chronik vor 50 Jahren offenbart aber weit Spannenderes über den „Markt der Menschen, Maschinen und der Pferde“. Im Nachkriegsdeutschland war der Pferdemarkt nicht nur die Attraktion in Heilbronn. Er stellte zudem ein wichtiges Geschehen im Wirtschaftskreislauf der Stadt dar. Und es wurde tatsächlich noch mit Pferden gehandelt.

Interessant ist die Verteilung: Von den 102 Pferden gehörten nur 27 zu einer mittleren und fünf zu einer leichten Rasse. 70 Tiere waren dagegen schwere Arbeitspferde für die Landwirtschaft. „Der Handel war recht lebhaft und ungefähr 40 Prozent der aufgetriebenen Tiere wurden verkauft“, notierte die Presse. Leichte Pferde kosteten zwischen 800 und 1000 Mark, für ein schweres Kaltblut musste der Käufer bis zu 1800 Mark auf den Tisch blättern. Die Pferdeprämierung hatte gegenüber dem Handel eine weit geringere Bedeutung, 40 Pferde wurden damals ausgezeichnet. Heute gibt es keinen Pferdehandel mehr, dafür vier Mal so viele Prämierungen.

Der Pferdemarkt hatte seine Bedeutung für die Landwirtschaft, vor allem auch wegen der Maschinenschau mit ihren 100 Ausstellern. Dass die Uhren 1956 noch deutlich anders gingen, zeigt folgender Satz aus der Berichterstattung: Es lasse sich doch kaum eine Trennung von Tier und Technik vornehmen, das zeige ja die tägliche Praxis auf dem Bauernhof.

Der damalige Landrat, Eduard Hirsch, wollte den Pferdemarkt gar in PS-Markt umtaufen, „dann würde man sowohl den Pferdezüchtern als auch der Technik Genüge tun“. Keinesfalls wollte man, trotz der 3000 Schlepper, die in den 50er Jahren im Landkreis Heilbronn im Einsatz waren“, einen Grabgesang auf das Pferd anstimmen, „das auch in Zukunft aus der Landwirtschaft nicht wegzudenken ist“.

Doch der Pferdemarkt lockte auch vor 50 Jahren bereits mit Universal-Glasschneidern und türkischem Honig. „Die verzehrten heißen Würste gehen in die Tausender und die verschlotzten gebrannten Mandeln in die Zentner. An den 220 Verkaufsständen gab es vor 50 Jahren für jeden etwas und die Standbetreiber kamen „trotz des Standgelds - über das sie, wie gewöhnlich, meckerten - voll auf ihre Rechnung“. Die Krönung des Krämermarktes war der „Billige Jakob“, der Hosenträger in die Menge schnalzte und die billigsten Bleistifte verkaufte. Bei ihm blühte das Geschäft.

Dass die Unterländer mit besondere Liebe an ihrem Pferdemarkt hängen, auch das vermerkte der Chronist der Tageszeitung im Jahre 1956. Als die Pferde noch Monika, Fanny und Lilly hießen, und als der Redner bei der Pferdeprämierung im Keltersaal sein Publikum mit folgendem Schlusswort belustigen durfte: „Gott schütze uns vor Sturm und Wind, vor Frauen, die zu flott und Pferden, die zu langsam sind.“ Doch selbst wenn der Pferdehandel längst erlahmt ist, an ihrem Pferdemarkt hängen viele Heilbronner noch heute.

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