Als an Weihnachten alle in Aufbruchstimmung waren
Streifzug durch das Christfest in den 50er-Jahren in Heilbronn - Trotz des Konsumfestes der Überflussgesellschaft ist der Zauber von Bethlehem geblieben

Es begab sich eine Zeit, von der Doris Aldinger aus dem Heilbronner Käferflug sagt: „Wir hatten nicht viel, die Geschenke waren bescheiden. Aber wir waren glücklich!“ Die 58-jährige spricht den meisten Menschen aus dem Herzen, wenn sie von Weihnachten in den 50er Jahren erzählen.
Manches wird verklärt. Trotzdem gilt, dass damals nach Krieg und Zerstörung im Gegensatz zur heutigen Überflussgesellschaft für die Menschen die Zeit des Aufatmens kam und eine unglaubliche Aufbruchstimmung herrschte.
Wer überlebt, menschenwürdigen Wohnraum, Saitenwürstle mit Kartoffelsalat zum Essen hatte, war schon allein dafür dankbar. Und die Kinder, ob die kleine Lucyna im Polenlager in Neckargartach oder Gottfried aus dem Bettengeschäft Friz zwischen den Ruinen der Altstadt, kannten nichts anderes.
Gleichzeitig zeichneten sich mit verlockenden Aussichten auf Urlaub, Kleinwagen, Eigenheim und Fernseher ab, was noch alles kommen kann. Norbert Harmuth: „Damals herrschte die Hoffnung, dass alles immer besser wird!“
Die 50er Jahre, als es ein bisschen besser, aber nicht zu gut ging, waren fruchtbarer Boden für die frohe Botschaft, dass der Herrgott seinen Sohn mit der Kunde vom christlichen Dasein auf die Erde gesandt hatte. Der Stern von Bethlehem wurde zum Licht am Horizont.
Mit Kirchgang und Weihnachtsliedern feierte man die Ankunft Jesu. Und weil Gott die Menschen mit ihm beschenkt hatte und zum Christentum gehört, an den Nächsten zu denken, beschenkte man sich gegenseitig; nicht prachtvoll wie die Heiligen drei Könige, sondern wie die Hirten bescheiden und meistens praktisch, oft selbst gebastelt, gestrickt oder von Karoline Loserth in der Äußeren Rosenbergstraße für ihre vier Kinder genäht.
Gearbeitet wurde bis zum Nachmittag des Heiligen Abends. Erst danach machte man sich fein für die Bescherung. Zum Abendessen gab’s meistens einfache Speisen. Das Festessen folgte am 1. Weihnachtsfeiertag. Das konnte dann schon ein Stallhase mit handgeschabten Spätzle wie bei Able sein.
Als Höhepunkt erlebten die Kinder die Bescherung. „In der kargen Zeit war der Christbaum mit seinen Lichtern und dem mystischen Duft wie ein Wunder“, erinnert sich Peer Friedel an die Kindheit in Böckingen. Damit sie das „Wunder“ vorher nicht sahen, wurden er und sein Bruder Werner während des Baumschmückens mit den Opas zum Spaziergang fort geschickt.
Statt teurer Geschenke blühte Kreativität. Vorbild für Gerhard Schwinghammer ist sein Vater. Der Bruckmann-Silberschmied praktizierte seine Kunstfertigkeit vielfältig als Tüftler und Bastler im Eigenheim in der Steigsiedlung.
Spannend wurde es, wenn die Eltern am 1. Advent das Wohnzimmer absperrten. Dann baute der Vater die Märklin-Eisenbahnanlage auf und erweiterte sie alljährlich um eine Attraktion wie eine Seilbahn oder die Oberleitung für drei Züge. Und der kleine Gerhard harrte neugierig, welche Neuheit der Vater diesmal aus seiner Werkstatt zum Weihnachtsfest zauberte.
Das Glück hat Platz in Baracken. „Wir lebten notdürftig, aber waren glücklich“, erinnert sich Lucyna Steidl geb. Tracy aus Talheim an Weihnachten im Polenlager in Neckargartach. Das NS-Regime hatte die Eltern als Arbeitskräfte geholt. Begeistert kam Lucyna mit der Deutsch-Note 1 aus der Schule.
Im fremden Land war des Himmels Botschaft ein Halt für die frommen Polen. Gläubig feierten sie den Heiligen Abend, als Festessen gab’s „Piroggis“: Maultaschen, gefüllt mit Sauerkraut, Quark und Kartoffeln. Die Kinder, die damals andächtig den Geschichten aus der alten Heimat lauschten, sind heute fest verankert in der neuen Heimat.
Freud und Leid begleiten die Menschen auch zur Weihnachtszeit. Bei den Harmuths fehlte an Weihnachten 1957 der Vater; der Apotheker Alfred Harmuth war im Sommer beim ersten Italienurlaub an der Adria nach einem Herzinfarkt ertrunken. Das gleiche Fest feierte die Familie Edelmann glücklich in ihrem neuen Eigenheim. Tochter Doris Aldinger: „Dafür haben die Eltern tüchtig gespart.“
„Für die Familien war Weihnachten die Zeit der Besinnlichkeit und des Zusammenhalts“, sagt Karin Kohout geb. Pfleiderer. Also geschah es bei den meisten Familien, ob sie nun Pfleiderer, Loserth, Tracy, Friz, Schwinghammer, Friedel, Edelmann, Koppenhöfer, Harmuth, Able oder anders hießen.
Weihnachten 2005. Am meisten spiegelt sich der Zauber des Festes um die Ankunft Jesu wie vor 50 Jahren und früher in den strahlenden Kinderaugen. Aber einen Unterschied sieht Herbert Koppenhöfer aus der Lixstraße: „Wir glaubten noch, dass das Christkind und der Niklaus die Geschenke bringt.“ Das sei heute anders: „Die Kinder sind schlauer geworden.“
Gewaltig verändert hat sich das Umfeld. „Weihnachten begann in den 50ern erst in der letzten Adventswoche und war kein Geschäft, sondern eine besinnliche Zeit, begleitet vom Zauber der Schneeflocken, die fast zu jeder Weihnacht gehörten“, erinnert sich der 75-jährige Weingärtner Hermann Able. Heute wird das Christfest von einem Konsumfest umrahmt.
Die materiellen Wünsche sind anspruchsvoller. Geblieben ist die Sehnsucht nach Geborgenheit und Besinnlichkeit. Spätestens am Heiligen Abend wird für viele die gleiche Stimmung wie vor 50 Jahren dämmern: „Stille Nacht, heilige Nacht.“ Die Botschaft von Bethlehem wird die Kirchen mehr denn je füllen.
Daheim erklingen die altvertrauten Weisen. Die Kinder werden mit großen Augen den Christbaum bestaunen, Gedichte vortragen und ihre Geschenke auspacken. Und mancher Ältere wird über den Sinn des Lebens nachdenken.
’s ist Weihnacht. Und in 50 Jahren werden die Kinder von heute schwärmen, wie wunderbar das Weihnachtsfest 2005 gewesen ist. Es begab sich eine Zeit ...





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