Staatsanwalt fordert fünf Jahre für Lidl-Erpresser

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Täter füllte Salzsäure mit Spritze in Mundwasser-Flaschen - 16 000 Euro in sechs Wochen verprasst

Von Carsten Friese

Die Lebensmittelkette Lidl wurde in den letzten Jahren mehrfach erpresst.
Die Lebensmittelkette Lidl wurde in den letzten Jahren mehrfach erpresst.  Foto: dpa

Heilbronn „Das war eine besonders perfide Art, Menschen massiv in Angst und Schrecken zu versetzen.“ Im Prozess um die Lidl-Erpressung aus dem Jahr 2006 hat Staatsanwalt Martin Renninger gestern vor dem Heilbronner Landgericht fünf Jahre Haftstrafe für den angeklagten 40-jährigen Hamburger gefordert. Andere mögliche Täter „müssen abgeschreckt werden“, sagte Renninger.

Mundwasserflaschen mit 23-prozentiger Salzsäure hatte der Täter in Hamburger Lidl-Filialen platziert und in einem ersten Erpresserschreiben 1,2 Millionen Euro gefordert. Der 40-Jährige räumte alle Tatvorwürfe ein. Aber: „Ich wollte niemand schädigen. Ich hab’ es mehrfach ausprobiert.“ Mit einer Spritze habe er die Salzsäurelösung eingefüllt und alles verschlossen. Beim erneuten Öffnen sei eine solche Dampfwolke aus der Flasche entwichen, „die hätte kein Mensch benutzt“. Weitere Drohungen, Marmelade und Babynahrung zu vergiften und Weinflaschen mit Nervengift zu versetzen, hätte er zudem niemals wahr gemacht.

Drei Erpresserbriefe gingen bei Lidl ein. Im Mai 2006 bestückte das Unternehmen ein Kreditkartenkonto mit Geld und teilte wie gefordert die Magnetstreifen- und Pin-Nummer per Zeitungsannonce in der Rubrik „VW Käfer an Bastler abzugeben“ mit. 20 300 Euro zog der Angeklagte mit manipulierten Karten schrittweise in Dänemark, Holland und Frankreich aus Automaten, mit Pflasterstreifen an den Fingern, um keine Abdrücke zu hinterlassen. „Es war ein Graus, das Geld abzuheben“, beschrieb er seine permanente Angst vor dem Entdecktwerden.

Im dänischen Odense war am 30. Juni Schluss. Auf frischer Tat nahm die Polizei den Außenhandelskaufmann fest, der nach eigenen Angaben kokainabhängig und seit seinem 23. Lebensjahr verschuldet ist. Von der Beute fand die Polizei nur noch 4000 Euro. Der Rest: „verkokst, verspielt, versoffen“, wie der Angeklagte angab. 16 000 Euro habe er in sechs Wochen verprasst.

Ein materieller Schaden von weiteren 64 000 Euro war Lidl durch umfangreiche Austauschaktionen nach dem zweiten Drohbrief entstanden. In 115 Berliner Filialen mussten fragliche Produkte aussortiert, untersucht und durch neue ersetzt werden.

Morgen wird nach dem Plädoyer der Verteidigerin das Urteil erwartet. Ein psychiatrischer Gutachter hat den Angeklagten als voll schuldfähig eingestuft. Eine verminderte Steuerungsfähigkeit durch den Kokainkonsum wollte er nicht ausschließen.

Stichwort: Lidl-Erpressungsfälle

  • Januar 2006: Ein Unbekannter füllt verdünnte Salzsäure in Mundwasserflaschen und stellt diese in drei Hamburger Filialen des Handelsriesen in die Regale. Er soll rund eine Million Euro von dem Unternehmen gefordert haben. Seit Donnerstag muss sich dafür ein 40 Jahre alter Mann vor dem Landgericht Heilbronn verantworten.
  • Juni 2005: Ein Bauingenieur fordert 1,2 Millionen Euro vom Discounter. Er mischt in verschiedenen Filialen Salz und Brennspiritus in Rotkohl, Käse und Wurst. Der Mann wird gefasst und im November zu vier Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Als Motiv nennt er Geldnot.
  • Februar 2003: Erpresser fordern vom Lidl-Konzern 1,15 Millionen Euro. In einem Schreiben drohen sie, in vier Filialen Gläser mit vergifteter Marmelade zu platzieren und die Medien zu informieren. Drei Männer werden verhaftet und zu Haftstrafen verurteilt.
  • September 1997: Nach einem Streit um eine Reklamation versucht ein Essigfabrikant aus Thüringen, der die Einzelhandelskette beliefert, Lidl zu erpressen. Unter der Androhung, Wein- und Apfelessig zu vergiften verlangt er fünf Millionen Mark von dem Unternehmen. Das Heilbronner Landgericht verurteilt ihn im Februar 1998 zu zwei Jahren und neun Monaten Gefängnis. Der Angeklagte bestreitet die Vorwürfe vor Gericht

Info: Salzsäure

Salzsäure oder Chlorwasserstoffsäure wird für viele chemische Prozesse gebraucht. Die im reinen Zustand farblose Lösung dient etwa zum Entkalken oder Entsalzen von Anlagen zur Wasseraufbereitung. Die mit dem chemischen Kürzel „HCl“ gekennzeichnete Flüssigkeit befindet sich auch im Magensaft des Menschen und unterstützt die Verdauung. Im Magen hat Salzsäure eine Konzentration von etwa 3,6 Gramm HCl pro Liter Flüssigkeit. Steigt die Konzentration über diesen Wert, kann dies zu einer Reizung von Haut und Schleimhäuten führen. Inwieweit verdünnte Salzsäure gefährlich ist, hängt daher vom Grad der Konzentration ab. (lsw)

 

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