Vorfreude bedeutet auch Ungewissheit

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Bei den Weihnachtseinkäufen beobachten manche einen Verfall der Schenkkultur

Von Franziska Feinäugle
Was da wohl drin ist? Nicht selten wissen das die Beschenkten bereits – weil sie beim Aussuchen dabei waren. Anderen ist der Überraschungseffekt heilig.Foto: dpa
Was da wohl drin ist? Nicht selten wissen das die Beschenkten bereits – weil sie beim Aussuchen dabei waren. Anderen ist der Überraschungseffekt heilig.Foto: dpa  Foto: Z1020 Martin Schutt (dpa)

Heilbronn - Zur Vorweihnachtszeit gehört, besonders für Kinder, seit jeher das Gespanntsein, dieses ganz besondere Gefühl im Bauch, das man auch schlicht und schön Vorfreude nennen könnte.

Wer es kennt, möchte es nicht missen und vermisst es sogar stellvertretend, wenn es anderen Menschen verloren geht. So geht es beispielsweise einer 38-Jährigen, wenn sie sich in der Heilbronner Innenstadt umsieht. „Manche kaufen in Gegenwart der Kinder die Geschenke“, empört sich die Bad Friedrichshallerin. „Das wird immer extremer. Da fehlt die Vorfreude immer mehr.“

„Tupfengenau“ Ein Phänomen, das auch dem Inhaber von „Schneiders Weihnachtsstube“ auf dem Heilbronner Kiliansplatz aufgefallen ist und an dem in seinen Augen beide Seiten nicht ganz unschuldig sind. „Dass man heutzutage die Kinder schon mitnimmt, hat sich so ergeben“, sagt Jürgen Schneider, „weil die Kinder den Eltern das aufzwingen, oder, andersrum, die Eltern Angst haben, was falsch zu machen.“

Früher habe man sich noch über Kleinigkeiten gefreut, heute müsse es „tupfengenau das Gewünschte“ sein, bedauert Schneider und denkt laut weiter: „Ich möchte nicht wissen, wie viele das Geschenk dann schon vorher kriegen.“

Den Wunsch, bei den Weihnachtsgeschenken nichts falsch zu machen, hegt ganz privat auch Heilbronn-Marketing-Chef Bernhard Winkler. „Früher hat man hektisch Geschenke ausgesucht. Heute ist es so, dass sie sich ihren Wunsch lieber individuell erfüllen“, fasst er den Wandel für sich persönlich zusammen. Und kennt doch auch das Manko, das solche Nummer-Sicher-Geschenke haben: „Auspacken will jeder was. Nur einen Umschlag aufzumachen – da fehlt Weihnachten etwas.“

Genau deshalb bekommt Sigrid Neumann (58), die auf dem Weihnachtsmarkt Dekorationsartikel verkauft, „immer etwas, was ich nicht weiß und was ich auspacken kann“. Denn den Reiz des Unbekannten wissen durchaus auch Erwachsene zu schätzen.

Dass ihre Eltern „Geld schenken, damit sie nichts falsch machen“, empfindet auch eine 46-Jährige aus dem Landkreis Heilbronn „eher als Nachteil. Ich werde lieber überrascht.“

Wunschzettel Eine Erfindung, die Fehlgriffe ausschließt, ohne die Vorfreude zu trüben, ist der Wunschzettel. Bei Spielwaren Letzel am Wollhaus „kommt es vor“, dass Kinder die Geschenke aussuchen, bestätigt Verkäuferin Inge Seyfer, „aber meistens kommen die Erwachsenen mit dem Wunschzettel“. In orangener Schrift auf weißem Papier hat Helene Walter aus Leingarten die Wünsche ihrer neunjährigen Tochter hierher getragen. Die Kleine weiß, was sie will. Was sie bekommt, weiß sie nicht. „Vorfreude“, sagt die Mutter, „ist die schönste Freude.“

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