Vom Spiegeltrinker zum Suchtbekämpfer

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Bad Friedrichshall - Markus Rack hat Mut. Steht mit Namen und Foto für seine Geschichte, engagiert sich in Schulen für Suchtprävention, will zeigen: "Wir trockenen Alkoholiker sind keine willensschwachen Würstchen.

Von unserer Redakteurin Petra Müller-Kromer
"Wir trockenen Alkoholiker sind keine willensschwachen Würstchen."
          Markus Rack
"Wir trockenen Alkoholiker sind keine willensschwachen Würstchen." Markus Rack

Bad Friedrichshall - Markus Rack hat Mut. Steht mit Namen und Foto für seine Geschichte, engagiert sich in Schulen für Suchtprävention, will zeigen: "Wir trockenen Alkoholiker sind keine willensschwachen Würstchen." Vor wenigen Wochen ist sein Haus abgebrannt. "Ich hab schon Schlimmeres erlebt", sagt der gebürtige Obereisesheimer.

In seinem ersten Leben leistet der heutige Haustechniker im Heilbronner Theater als Landschaftsgärtner harte körperliche Arbeit. Treppen bauen, Mauern hochziehen, pflastern. Zum Vesper morgens um 9 gibt’s auf der Baustelle Bier. "Wer hart arbeitet, muss auch feste trinken." "Der schwitzt was raus." Sätze wie diese kennt Rack zur Genüge.

Motorradtreffen

Honda, Rockkonzerte, Motorradtreffen, Feiern, bei denen der Alkohol fließt, das sind die Prioritäten in seinem ersten Leben. 15 Jahre lang. "Ich war ein Partylöwe." Viel vergeudete Zeit, findet er heute. "Das hatte nichts mit einem erfüllten Leben zu tun."

Er kauft ein Haus in Neudenau, heiratet mit 28 Jahren. In seinem Keller und den zwei Garagen ist immer genug Alkohol versteckt, damit er über die Runden kommt. Der Spiegeltrinker "funktioniert" − mit einer bestimmten Promillezahl im Blut. Funktionieren, das Wort verwendet Rack gern. Arbeiten und "funktionieren", Nachschub kaufen und fünf Mal abends raus, "nach dem Auto schauen". Wenn er irgendwo eingeladen ist, wo er mit mehr als zwei Bier auffallen würde, trinkt er vor. Mit einem Schluck aus dem Flachmann, heimlich auf der Toilette der Gastgeber, kommt er durch. "Und nach außen hin immer gut gelaunt sein." Allein die Logistik ist anstrengend.

Nachts wacht er auf, zitternd, schwitzend. Weil Bier nicht schnell genug wirkt und die Menge, die er braucht, zu groß wird, greift er zum Schnaps. Bekommt ein aufgedunsenes Gesicht, rote Äderchen aufgrund der Gefäßerweiterung. Scheidung ist immer wieder Thema. "Ich liebe dich, morgen hör ich auf", sagt er zu seiner Frau. Und schafft es dann doch nicht. Als der Alkomat nach einem Auffahrunfall um 11.30 Uhr 3,1 Promille zeigt, halten die Polizisten ihr Gerät für defekt. Ohne Führerschein kann Rack das Leergut nicht mehr unauffällig entsorgen, denn zum Container um die Ecke zu gehen, dafür schämt er sich zu sehr.

Selbstständig

Inzwischen als Landschaftsgärtner selbstständig, missrät ihm die letzte Baustelle. "Meine Buchhaltung war ein einziges Chaos." Seine Frau wird schwer krank, doch Rack kann ihr kaum beistehen. "Mein Selbstwertgefühl war am Boden." Kalter Entzug kommt nicht in Frage. "Da kann man Krampfanfälle kriegen, ins Delirium fallen, sterben." Im August 2003 ist er bereit für eine Entgiftung im Klinikum am Weissenhof. "Man muss ganz unten sein, kurz vor dem Suizid." Er hat Angst vor der Psychiatrie. Die Gerüchte, dass "man da nie mehr rauskommt, dass man ruhig gestellt wird, ans Bett gefesselt", treiben ihn um. In der Reha lernt er, das Trinken durch Hobbys und Rituale zu ersetzen. Malen. Gitarre spielen. Holzskulpturen sägen. Sich um den Hund kümmern. Ein Espresso statt des Feierabendbiers. "Für den Partner ist es schwer, weil sich der andere komplett verändert. Er ist nicht mehr der, der er vorher war. Ich bin meiner Frau sehr dankbar, dass sie mich nimmt, wie ich bin."

Seine Hausmeisterverträge stemmen in dieser Zeit am Feierabend seine Eltern. Dann brennt auch noch der Lkw ab, Racks Geschäftsgrundlage. Multiple Arthrose, Folge der körperlichen Arbeit, macht ihm zu schaffen. Mit 37 Jahren beginnt er eine Umschulung zum Mechatroniker. "Ich habe mir noch nie etwas so schwer erarbeitet."

Jetzt, im Theater Heilbronn, fühlt er sich am rechten Platz. Das Kreative liegt ihm, er verpasst keine Vorstellung. "Ich bereue es nicht, dass es so gekommen ist. Ich hätte nie so ein erfülltes Leben. Ich hatte die Chance, von vorne anzufangen."

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