Unfallschock saß noch tagelang in den Knochen

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63 000 Zuschauer kamen zu den 34 Weihnachtscircus-Vorstellungen auf die Theresienwiese

Von Bärbel Kistner
Stimme-Leser Richard Mall fotografierte im Heilbronner Weihnachtscircus.
Stimme-Leser Richard Mall fotografierte im Heilbronner Weihnachtscircus.

Heilbronn - Ausgerechnet bei der Benefizgala mit viel lokaler Prominenz passierte das Unglück: Crazy Wilson, Star des Heilbronner Weihnachtscircus’, stürzte von seinem Todesrad fünf Meter in die Tiefe. „Ich habe gedacht, er lebt nicht mehr“, erinnert sich Zirkuskdirektor Sascha Melnjak an die ersten, schrecklichen Sekunden direkt nach dem Unfall. Noch Tage später, als der Artist schon wieder in der Manege auftrat, waren die Zirkusleute fix und fertig.

Der Venezolaner Wilson war mit ein paar Prellungen davongekommen und hatte sich, ganz Artisten-Profi, im Zirkuszelt nichts anmerken lassen. „Doch seine Angst war zu spüren“, sagt Melnjak. „Ganz, ganz viele Nachfragen“ habe es vom Publikum gegeben. Wer telefonisch Karten bestellte, hat sich nach dem Gesundheitszustand des Salto-Künstlers erkundigt. Er bekam Fanbriefe von Kindern und Genesungswünsche. Ob der Absturz dem Zirkus zusätzliches Publikum bescherte, vermag Melnjak nicht zu sagen: Ohnehin waren viele der 34 Vorstellungen komplett ausverkauft, vor allem zwischen den Jahren. 63 000 Zuschauer lockte die neunte Auflage der Heilbronner Zirkusgala – etwas weniger als im Rekordwinter 2006/2007.

Achillessehne Wilsons Unfall sollte nicht der einzige bleiben: Trampolinspringer Costin, bis dahin einer der Publikumslieblinge in Heilbronn, erlitt nach der Hälfte der Vorstellungen einen Riss der Achillessehne und muss sogar für mehrere Monate pausieren. „Er war total am Boden zerstört“, berichtet Sascha Melnjak. Improvisieren war gefragt. Die Lebenspartnerin von Tierdompteur Hans-Ludwig Suppmeier füllte mit einer Hula-Hupp-Nummer die Lücke im Programm.

Bis kommenden Freitag werden das weiß-rote Zirkuszelt und die letzten Wohnwagen von der Theresienwiese verschwunden sein, der Platz muss besenrein hinterlassen werden. Das Abbauen gefällt keinem der Zirkusleute, die Luft ist raus, Kollege Uwe Gehrmann plagt eine wüste Erkältung. Melnjak: „Man ist müde und hat keine Lust mehr.“

Die meisten Artisten fahren nach dem Heilbronner Gastspiel nach Hause. Crazy Wilson dagegen gönnt sich nur eine kurze Verschnaufpause. Ab 17. Januar zeigt er seine Todesrad-Nummer beim Internationalen Zirkusfestival von Monte Carlo – ohne Sicherung. „Das würde bei dieser Nummer gar nicht gehen“, sagt Zirkusfachmann Melnjak. Passiert etwas, werde gerne darüber diskutiert. „Doch wenn die Leute ehrlich sind, entscheiden sie sich lieber für den Nervenkitzel.“ Ohne Netz und doppelten Boden.

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