Kischtleshocker kommen ins Schwabenalter
40 Jahre Schausteller-Stammtisch im Göckelesmaier-Festzelt

Heilbronn - Mit 40 wird der Schwabe g"scheit", ruft Wilfried Grupe aus Pirmasens in die Runde. "Und der Pfälzer wird es nie", kontert Bubi Wölfle aus Stuttgart. Oder war"s umgekehrt? Frotzeleien sind hier an der Tagesordnung. Wer sich mag, der neckt sich eben. Das ist in jeder intakten Familie so, also auch am Schausteller-Stammtisch im Göckelesmaier-Zelt. Die "Kischtleshocker" treffen sich während des Unterländer Volksfestes fast täglich in ihrem abgetrennten Bereich zwischen Göckelesbraterei und Küchentheke. Wenn sie nicht Witze reißen oder politisieren, sind sie am Knobeln, dem klassischen Schausteller-Glücksspiel mit kleinen Münzen und großen Scheinen.
Séparée Das 20 Quadratmeter große Séparée ist zwar nicht so chic wie die Logen auf der Münchner Theresienwiese. Es taugt auch kaum für Schickimickis und Spruchbeutel. Hier ist alles echt. Mensch und Material. Die 2,50 Meter lange Tischplatte ist aus zwei rustikalen Eichenbrettern gezimmert. Und die Stammtischbrüder sind aus einem ähnlichen Holz geschnitzt.
Dieses Jahr jährt sich die Gründung zum 40. Mal. Beinahe wäre der gerade für Schwaben so wichtige Geburtstag unter den Tisch gefallen: wäre da nicht Bernhard Winkler. Ihm geht kein Jubiläum durch die Lappen. Aus seinen fein säuberlich in einem Leitz-Ordner abgehefteten Unterlagen geht eindeutig hervor, dass die Kischtleshocker vor zehn Jahren 30 wurden. "Folglich müssen sie heuer 40 sein." Diese Argumentation überzeugt sogar "Bürgermeister" Karl Müller aus Fürth: "Dann feiern wir halt: mit einem dreifach kräftigen Ki-ho!". Alle stimmen ein.
Für den erst 43-jährigen Festwirt Karl Maier liegen die Ursprünge der Kischtleshocker im Dunkeln. Es war die Zeit, als ihn Mutter Josefine noch im mobilen Kindersitz auf den Rummel trug. Als Karli längst schlief, trafen sich die Festakteure am Rande des Zeltes zum Durchschnaufen und Schwätzen. "Aus Mangel an Sitzgelegenheiten begnügte man sich mit Kisten. Daher auch der Name", weiß Maier. So hat es ihm sein geselliger Onkel Wolfgang Lochmann erzählt. Der ehemalige Zeltkoch fungierte nach dem Tod des Gründervaters Karl Bernhäuser und nach dem heute 89-jährigen Erich Grund als Bürgermeister.
Aufnahmeritus An den Tisch sitzen darf im Prinzip jeder, der sich traut. "Zum richtigen Hocker wird man aber erst, wenn man sich bewährt, hilfsbereit ist und auch menschlich reinpasst", erklärt Müller. 21 der 46 Mitglieder sind Schausteller, 25 kommen aus den Festorten, davon zehn aus Heilbronn: darunter der amtierende OB und sein Vorgänger, Monika Thunert, Günther Erlewein, Bernhard Winkler, Siegfried Schilling, Bruno Lintz oder etwa August Muhler.
Der Aufnahmeritus ist in ein Saisonessen eingebunden, das immer am zweiten Volkfestfreitag gefeiert wird. Neue Brüder und Schwestern bekommen jeweils ein Kistchen überreicht. Es birgt das wichtigste Stammtisch-Utensil − ein Glas − und hat nur einen Haken: Wer es vergisst, muss einen Geldschein ins Kässchen werfen.

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