Es gibt wieder einen Doktor
Gemeinde hat Arzthaus für 350 000 Euro saniert

Roigheim - Es macht Spaß, wenn man dort arbeitet, wo man gebraucht wird", sagt Valentin Frolov. Ende Januar hat er seine Praxis in Roigheim eröffnet. 150 Patienten waren schon da. Nach fast zwei Jahren Vakanz gibt es in dem 1500-Einwohner-Ort wieder einen Hausarzt. "Das bedeutet Lebensqualität", betont Bürgermeister Michael Grimm. 350 000 Euro hat die Gemeinde in die Sanierung des Gebäudes in der Baumgartenstraße 6 investiert.
Nach dem Tod von Dr. Wolfgang Ortmann im April 2009 nahm der Rathauschef Kontakt zu Frolov auf. "Er wusste, dass ich mich niederlassen wollte", sagt der 38-Jährige, der als Notarzt auch immer mal wieder in Roigheim im Einsatz war.
Noch vor den Sommerferien desselben Jahres besichtigten die beiden die Räume zum ersten Mal. Zunächst gingen sie von kleineren Renovierungsarbeiten aus, doch bald wurde klar, dass mehr gemacht werden muss, als nur die Fenster auszutauschen und die Wände zu streichen. Es gab keine getrennten Mitarbeiter- und Patienten-Toiletten, keinen Sozialraum, keinen behindertengerechten Zugang zu der Praxis im ersten Stock über der öffentlichen Bügelstube. Dann verzögerten volle Terminkalender der Handwerker und Überraschungen wie eine 20 000-Volt-Leitung im Garten die Eröffnung.
Eigeninitiative "Im Grunde war es eine Komplettsanierung", sagt Michael Grimm. "Aber im ländlichen Raum müssen die Kommunen selbst etwas tun, sei es bei Arztpraxen oder bei DSL." Und der Gemeinderat stehe hinter dem Beschluss.
"Manche Leute sagen, es ist nobel, aber ich würde es zeitgemäß nennen", sagt der Rathauschef zum Ergebnis, das in enger Absprache mit dem neuen Mieter entstanden ist. Die medizinische Ausstattung hat Valentin Frolov selbst mitgebracht, manches hat ihm das Krankenhaus Möckmühl gespendet, wo er seit acht Jahren arbeitet.
Das Engagement der Gemeinde war selbstverständlich ein wichtiger Grund für den Facharzt für Allgemein-, Not- und Sportmedizin, sich in Roigheim niederzulassen. Aber er findet es auch wichtig, "hier sozial tätig zu sein. So kriegt das Leben einfach mehr Sinn für mich und die Patienten". Vor allem die älteren Menschen hätten auf ihn gewartet. "Die meisten sind froh und sagen das auch", weiß er von ihren ersten Besuchen. "Ein Arzt in der Nähe gehört zur Lebensqualität."
Frolov ist allerdings kein Vollzeit-Hausarzt, sondern hat als solcher nur eine halbe Zulassung. Das heißt, er bietet 16 Sprechstunden in der Woche an und arbeitet in der restlichen Zeit nach wie vor im Krankenhaus Möckmühl und weiteren Kliniken als Not- und Allgemeinmediziner, hat wie bisher Sprechstunden in der Jugendvollzugsanstalt Adelsheim. "Das ist wohl eine relativ einzigartige Konstellation mit Vor- und Nachteilen für alle Beteiligten." Er selbst liebt diese Abwechslung, "und ich bleibe beruflich auf dem Laufenden".
Von Roigheim, wo er mit seiner Lebensgefährtin seit einem Jahr wohnt, ist der gebürtige St. Petersburger begeistert. "Ich bin in einem Moloch aufgewachsen. Hier ist es naturnah, ohne urbane Hektik." Seit er als Oberarzt in einer ländlichen westrussischen Gegend gearbeitet habe, "war es klar, dass ich nicht mehr in größere Städte will".
Flatrate Warum nicht mehr seiner Kollegen so denken? "Das, was man macht, wird schlicht und einfach nicht mehr bezahlt." Mit der "Flatrate" von 42 Euro pro Kassenpatient im Quartal − egal, ob dieser ein- oder zehnmal kommt − könne man eine Praxis zwar unterhalten. Verdient werde an den Privatpatienten − aber davon gebe es wenige im ländlichen Raum. "Das ist einer der Gründe, warum kaum einer mehr Landarzt werden möchte", glaubt Frolov.

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