Das Schulbuch kommt aus Rostock

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Heilbronn kauft für 800 000 Euro Schulbücher. Zurzeit kommt die Ware in den Schulen an. Das Kuriose an diesem Großeinkauf: Er wird nicht über lokale, stattdessen über Buchhändler aus ganz Deutschland abgewickelt. Schuld daran ist europäisches Recht

Von Gertrud Schubert
Die neuen Bücher sind da. Rektorin Angelika Biesdorf (2.v.l.) und ein Lehrerteam der Elly-Heuss-Knapp-Grund- und Hauptschule schauen, was der Buchhändler aus Weißenburg anliefern ließ. (Foto: Dittmar Dirks)
Die neuen Bücher sind da. Rektorin Angelika Biesdorf (2.v.l.) und ein Lehrerteam der Elly-Heuss-Knapp-Grund- und Hauptschule schauen, was der Buchhändler aus Weißenburg anliefern ließ. (Foto: Dittmar Dirks)
„Das kapiert eigentlich fast niemand“, sagt Robert Boger vom Schul- und Kulturamt der Stadt Heilbronn und kommentiert die für Schulen wie für den örtlichen Buchhandel vertrackte Situation: „Ich halte das für einen Exzess.“

Der begann vor gut zwei Jahren. Da war die Stadt Heilbronn gezwungen, ihren Schulbuchauftrag europaweit auszuschreiben. Das gilt seitdem für alle Städte, die über 200 000 Euro jährlich für Schulbücher ausgeben. Zuvor hatte Heilbronn, so wie es andernorts zum Beispiel auch in Neckarsulm heute noch üblich ist, in rollierendem System die Buchhändler aus der eigenen Stadt mit der Lieferung beauftragt.

Die Umstellung, erinnert sich Angelika Stritter von der gleichnamigen Buchhandlung, „hat uns überhaupt nicht begeistert“, der Umsatzeinbruch war groß. Doch sie zählt - zufällig - selbst zu den Auserwählten, die liefern dürfen.

Der Schulbuchauftrag war also ausgeschrieben. Und weil in Deutschland die Buchpreise auf den Cent genau festgelegt sind, gab es unter den 25 Bietern kaum Abweichungen. Einziger Unterschied war eine kostenlose Beratungshotline für die Schulen. Also entschied das Los, berichtet Robert Boger; unter Aufsicht ihres Rechtsprüfungs- und Rechtsamtes veranstaltete die Stadt Heilbronn so eine Art Lotterie. Acht Schulbuchaufträge, jeder musste wegen der 15 Prozent Rabatt über 50 000 Euro liegen, wurden verlost. So kommt es, dass jetzt die eine Schule aus Rostock oder Kiel, die andere aus Weißenburg in Franken oder Zschopau in Sachsen ihre Bücher bekommt. Nur ein Los ging an Heilbronn - eben an Stritter.

Wie die Bücherlieferung indes logistisch abgewickelt wird, wissen weder Boger noch die Schulleitungen. Und Karsten Meyer vom Urhammer-Lehrmittel-Handel in Kiel und Rostock wollte sich darüber in der Zeitung nicht äußern. Die Hauptlieferung vor Schuljahresbeginn wird wohl über den Großhandel direkt an die Schulen gehen.

Doch unterm Jahr treibt der Schulbuchauftrag kuriose Blüten. So sollte die Helene-Lange-Realschule (Hela) über den Lieferanten aus Rostock einen Klassensatz des „Gästebuches“ bestellen, das der Förderverein der Schule herausgeben hatte. Schließlich kam, weil der Fachhandel im fernen Nordosten das Buch nicht beibringen konnte, die Aufforderung, doch beim Förderverein direkt einzukaufen.

Ärgerlich findet Hela-Rektor Norbert Jung, dass jedes einzelne Buch, und koste es nur 9,80 Euro, über das Amt geordert werden muss. Jung: „Da redet man von selbstständiger Schule und dann müssen wir uns bis ins Kleinste bewirtschaften lassen.“ Er fordert ein eigenes Budget für die Schulen oder zumindest eine „Kleinigkeitenregelung“.

 

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