Braucht Heilbronn eine Babyklappe?
Heilbronn - Der Vorschlag setzt Emotionen frei. Eine Babyklappe für Heilbronn fordert die SPD, damit Mütter in Notlagen ihr Baby anonym in sichere Obhut geben können. Wird Kinderentsorgung damit einfach gemacht oder ist es der letzte Notnagel in Extremsituationen? Die Meinungen sind geteilt.

Heilbronn - Der Vorschlag setzt Emotionen frei. Eine Babyklappe für Heilbronn fordert die SPD, damit Mütter in Notlagen ihr Baby anonym in sichere Obhut geben können. Wird Kinderentsorgung damit einfach gemacht oder ist es der letzte Notnagel in Extremsituationen? Die Meinungen sind geteilt.
Die Mehrheit der Babys war unprofessionell abgenabelt, mit einer Kordel oder einem Schnürsenkel um den Bauchnabel – Hausgeburten ohne Fachhilfe. Als letzte Lösung, „bevor Neugeborene irgendwo ungeschützt ausgesetzt werden“, sieht Walter Raibl die Babyklappe an. Er ist Vorstand im Stuttgarter Wera-Heim, wo es seit 2002 eine Klappe gibt. In vier von 13 Fällen hätten sich die Mütter wieder gemeldet und ihre Kinder unter Hilfe des Jugendamtes zurückgeholt.
Über 90 Babyklappen gibt es in Deutschland. Braucht auch Heilbronn eine? An ausgesetzte lebende Babys kann sich bei der Heilbronner Polizeidirektion niemand erinnern. Im Jahr 2002 allerdings fanden Kinder ein in Tüten gepacktes totes Baby bei Oedheim am Rand eines Baches. Bis heute ist der Fall ungeklärt. Die Frage sei, „ob eine Babyklappe diesen Fall verhindert hätte“, sagt Polizeisprecher Rainer Köller.
„Es sollte nicht gesellschaftsfähig werden, dass man Babys, die man nicht haben will, in einer Klappe ablegt“, sagt Heilbronns Kinderschutzbund-Vorsitzende Tanja Haberzettl. Möglicherweise werde dadurch erst ein Gefühl gestärkt, „so geht es leichter“. Sie plädiert dafür, mehr in Beratung und Hilfestellung für Mütter und Schwangere zu investieren, Angebote zu verbessern.
Die vielen Babyklappen in Deutschland verhinderten Kindestötungen nicht. Die Zahlen „gehen nicht zurück“, teilt das Kinderhilfswerk „terre des hommes“ mit.
Gefahr
„Das Thema ist umstritten“, sagt Dorothee Schmid, Leiterin der Beratung für Schwangerschaft und Familie beim Diakonischen Werk Heilbronn. Sie bezweifelt, dass Frauen in ausweglosen Lagen den Weg zur Babyklappe finden. Die Klappe berge die Gefahr, dass Frauen den schwierigeren Weg über die Beratungsstelle oder das Jugendamt nicht gehen. Nach ihrer Erfahrung könne man in Beratungen „bei den meisten Frauen den Blick öffnen für Hilfeangebote“. Das Baby abzulegen sei oft eine Kurzschlussreaktion, mit der Mütter später möglicherweise nicht klar kämen.
Für St.-Peter-und-Paul-Pfarrer Wolfgang Westenfeld ist die Babyklappe dagegen „eine Lösung, um größeres Unheil zu verhindern“. Sinnvoll nennt er dies „in unserer kinderlosen Gesellschaft“. Auch Dekan Otto Friedrich stuft das Angebot in einer ausgesprochenen Notsituation als „berechtigt“ ein.
Ob die SLK-Kinderklinik eine Babyklappe einrichten würde? „Wenn sich die Politik einigt, dass man so etwas haben sollte, werden wir kooperieren“, sagt Professor Walter Kachel. Man sehe auch in der Klinik ungewollte Kinder aus schwierigen Verhältnissen, „die sehr viel leiden müssen“. In Notsituation von Müttern und Eltern fände er es richtig, „dass man da noch ein Ventil hat“.
Stimme.de