Als an der Allee ein Stück Orient verloren ging

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Zwei Generationen lang war die kuppelreiche Synagoge „ein Bethaus für alle Völker“

Von Manuela Petzold
Straßenszene zu Beginn der 30er Jahre. Die Heilbronner Allee wird baulich von der im maurischen Stil gehaltenen Synagoge dominiert.
          (Fotos: Stadtarchiv Heilbronn)
Straßenszene zu Beginn der 30er Jahre. Die Heilbronner Allee wird baulich von der im maurischen Stil gehaltenen Synagoge dominiert. (Fotos: Stadtarchiv Heilbronn)

Die Synagoge an der Heilbronner Allee, die am frühen Morgen des 10. November 1938 in Brand gesteckt worden war, galt als eines der eindrucksvollsten Bauwerke jüdischer Architekturgeschichte in Deutschland. Daher bedeutet die Reichspogromnacht für Heilbronn nicht nur den vorläufigen Höhepunkt der Verfolgung jüdischen Lebens. Die Zerstörung des 1877 errichteten monumentalen Sakralbaus stellte einen enormen städtebaulichen Verlust dar.

Exotisch Der Kultbau ragte wegen seines exotischen Äußeren auffällig aus dem Häusermeer der Umgebung heraus und setzte einen deutlichen Akzent. Kein anderes Gebäude der Stadt trug so viele Kuppeln und bediente sich solch feiner Ornamentik. Das Gebäude galt als Schmuckstück von Allee und Synagogenweg. Der Synagogenweg hatte im Jahr 1928 seine offizielle Bezeichnung erhalten, nachdem er schon lange „Judengässle“ genannt worden war. Im selben Jahr hatte die Israelitische Gemeinde intensiv verhandelt, damit der Blick auf die bislang freistehende Synagoge durch den geplanten Neubau des Postamts nebenan nicht ganz verdeckt würde.

Vorläuferbauten der Heilbronner Synagoge, die man an byzantinische, islamische oder spanisch-maurische Vorbilder angelehnt hatte, gab es im süddeutschen Raum sind die Synagogen von Stuttgart (1861), Ulm (1873) und Nürnberg (1874) als Vorgänger erwähnenswert, da sie wie das Heilbronner Gebäude von demselben jüdischen Architekten und Stadtbaurat aus Stuttgart, Adolf Wolff (1832-1882), stammten.

Da bis Mitte des 19. Jahrhunderts Juden nur vereinzelt der Zugang zu technischen Hochschulen gestattet war, wurden insgesamt jedoch die wenigsten orientalisierenden Synagogen von jüdischen Bauexperten entworfen. Neben Wolff erlangte Ludwig Levy (1854-1907) mit dieser Bauweise große Bekanntheit. Seine herausragenden Werke waren die Gotteshäuser von Pforzheim (1893) und Kaiserslautern (1847).

Es waren aber Landgemeinden in der Pfalz, die in den 1830er Jahren erstmals maurische Stilformen aus Spanien für ihre Bethäuser übernahmen. Die früheste und Beispiel gebende Synagoge wurde 1832 in Ingenheim fertiggestellt. Sie bildete die Vorlage für den Bau in Weingarten bei Karlsruhe, welcher 1840 als erster im neomaurischen Stil in Baden-Württemberg errichtet wurde.

Ein Jahrhundert umwälzender Veränderungen in der deutsch-jüdischen Kulturgeschichte hatte die Voraussetzungen geschaffen, dass sich der neomaurische Baustil zur Profilierung einer nichtchristlichen Minderheit für mehrere Jahrzehnte durchsetzte und ab den 1860ern eine Blütezeit erlebte.

Zunächst hatte Moses Mendelssohn aus Dessau (1729-1786) die Ideale der europäischen Aufklärung für das Judentum fruchtbar gemacht. Die sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelnde jüdische Aufklärung, die Haskala, brachte die Modernisierung der traditionellen Lebensweise mit sich. Infolge fürstlicher Erlasse zur Emanzipation der deutschen Juden (in Württemberg 1861), denen der französische Code Civil zugrunde lag, und im Zuge zunehmender Industrialisierung bildete sich allmählich ein liberales jüdisches Bürgertum aus. Dieses organisierte sich in urbanen Großgemeinden mit Hunderten von Mitgliedern und war daran interessiert, sich gegenüber der Mehrheitsgesellschaft in geistiger, religiöser und materieller Hinsicht adäquat zu präsentieren. In geeignetem Maße sollte die Bereitschaft zur Anpassung signalisiert werden.

Heimatverbunden Eine tief greifende Neuerung bestand darin, dass man sich von der Idee der Rückkehr nach Zion und des Wiederaufbaus des antiken Tempels in Jerusalem verabschiedete. Europa wurde nicht länger als Land des Exils angesehen. Neu gebaute Gotteshäuser hießen oft „Tempel“ und fortschrittliche Juden nannten sich selbst „Israeliten“, also Träger jüdischer Religion und Kultur, die zugleich einer europäischen Nation angehörten. So gab es französische, deutsche oder ungarische Israeliten. Das wahre Jerusalem konnte nun in Berlin, Stuttgart, Hamburg oder eben auch Heilbronn liegen. Mit einem Vers aus Psalm 122, der ungeheures Aufsehen erregte, beendete Rabbiner Joseph Maier 1861 seine Einweihungsrede für die Stuttgarter Synagoge: „Ja, dir, geliebtes Stuttgart, unserem Jerusalem, wünschen wir Heil, und rufen dir die alten Worte zu: „Heil sey in deinen Mauern, Friede in deinen Palästen und Hütten.“ Ihre Stadt betrachteten die Stuttgarter Juden als Heimat. Die vordere Synagogenkuppel zierten Worte aus Psalm 132: „Das ist für immer der Ort meiner Ruhe; hier will ich wohnen, ich habe ihn mir erkoren.“

Entscheidend war, dass sich das Judentum zu einer Konfession der modernen bürgerlichen Gesellschaft gewandelt hatte. Es sollte als monotheistische Religion gleichberechtigt neben der katholischen und der evangelischen Konfession bestehen. Die für das Judentum geltenden Einschränkungen öffentlicher Glaubensausübung wurden allmählich abgeschafft. Man betonte die spirituelle Herkunft von Christentum und Judentum im Orient. Der integrierte deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens besuchte den Gottesdienst mit Zylinder, Stock und Gebetbuch in deutscher und hebräischer Sprache. Äußerlich gab es keinen Unterschied zum Kirchgänger.

Wie sollten die „eingebürgerten“ Juden ihre Sakralbauten architektonisch gestalten? Auf welche Vorbilder konnte man zurückgreifen? Inwieweit durfte das jüdische Gotteshaus der christlichen Kirche angeglichen werden? Während sich im Kirchenbau die Romanik und Gotik etabliert hatten, gab es in der Geschichte der Synagogenarchitektur keine Kontinuität. Möglichkeiten der Anknüpfung boten nur die griechisch-römische Antike oder die zeitgenössischen Kunstformen in Europa. In süddeutschen Städten hatte der jüdische Gottesdienst bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts meist in unscheinbaren Betstuben des Ghettos abseits öffentlicher Straßen stattgefunden, für die Außenwelt nicht unbedingt als jüdische Gebetsstätten erkennbar. Nur größere Dorfgemeinden besaßen bereits im Mittelalter eigene kleine Synagogengebäude, die der regionalen Bauweise angepasst waren, denn die Mehrzahl der Juden lebte bis in die frühe Neuzeit auf dem Land.

Neben den Bürgerrechten kam aus Frankreich, aber auch aus England, die Mode des Orientalismus nach Deutschland, die um die Wende zum 19. Jahrhundert durch Napoleons Ägypten-Feldzug wesentliche Impulse erhielt. In Verbindung mit der deutschen Romantik und einem erstarkenden Geschichtsbewusstsein prägte sie sich in allen Bereichen des kulturellen Lebens aus. Europäische „Orientalisten“ - Reisende, Literaten und Forscher - waren von der reichhaltigen Kunst der islamischen Welt fasziniert. In den Ländern zwischen Indien und Andalusien entdeckten sie Muster, Motive, Farben und Formen, die ihre Imagination beflügelten. 1842 bis 46 hatte König Wilhelm I. von Württemberg nach dem Vorbild der Alhambra im südspanischen Granada das Cannstatter Schloss Wilhelma erbauen lassen, dessen „Maurische Villa“ mit ihrem bunt dekorierten Kuppelsaal vor den beiden Weltkriegen ein bewundertes Juwel orientalischer Baukunst in Europa darstellte. Der Synagogenarchitekt Wolff hatte die Wilhelma wiederholt zu Studienzwecken besucht.

Maurisch Als das Alhambra-Fieber, man schätzte die Burg als „Ort der letzten Blüte arabischer Kultur im Abendland“, um sich griff, erblickten viele Architekten eine Chance darin, die filigrane Ornamentik des maurischen Spanien aus dem Mittelalter nachzubilden, um einen spezifisch jüdischen Synagogen-Baustil zu schaffen. Jüdische Historiker rühmten das „Goldene Zeitalter“ des harmonischen Zusammenlebens verschiedener Religionen auf der Iberischen Halbinsel. 800 Jahre lang war unter den Kalifen von al-Andalus eine arabische Kultur erblüht, in der Muslime, Christen und Juden in regem Austausch standen. Davon zeugen bis heute imposante Moscheen, Kirchen und Synagogen in Córdoba oder Toledo. Dieser Vielfalt setzte im ausgehenden 15. Jahrhundert erst die Inquisition ein Ende.

Meinungsverschiedenheiten darüber, welcher Stil den Juden angemessen sei, entzündeten sich immer wieder an der Frage, wie die Gotik historisch und theoretisch einzuordnen sei. Als 1880 der Umbau des Kölner Doms abgeschlossen war stand fest, dass dieses Symbol des deutschen Nationaltraums zugleich die Verherrlichung des Gotischen als höchster christlicher und „germanischer“ Kunst bedeutete. Der Stil der emporstrebenden Spitzbögen war von da an für den Kirchenbau besetzt und für die Synagogen zum Tabu geworden.

Der 10. 11. 1938 in Heilbronn Die Heilbronner Bevölkerung hörte um 5 Uhr morgens zwei heftige Detonationen. Schnell fanden sich zahlreiche Neugierige ein, um das Schauspiel zu erleben, wie sich der „Tempel talmudischer Rachsucht und Verschwörung“ (Nazi-Propaganda) einem Fanal gleich in Rauch auflöste. Einige Stunden später ragte nur noch eine geschwärzte Ruine gespenstisch in den trüben Novemberhimmel. Sie blieb in stiller Anklage über ein Jahr stehen, bis Nazi-Behörden die Israelitische Gemeinde dazu zwangen, sie für 10 000 Reichsmark abtragen zu lassen. Der Abbruch war nach einem Monat im März 1940 beendet. Der Rabbiner Dr. Harry Heimann wanderte sofort 1938 nach Amerika aus. Der Kantor Isy Krämer verließ Heilbronn mit seiner Frau ein Jahr darauf und erreichte nach mehreren Lageraufenthalte in Frankreich und der Schweiz New York. 1938/39 wanderten insgesamt 303 Heilbronner Juden ab. Mindestens 171 Heilbronner Juden kamen auf einem der sechs Transporte ab 26. November 1941 um oder wurden in den Konzentrationslagern ermordet. 1933 hatte Heilbronn 790 jüdische Mitbürger. Heute leben rund 150 Juden in Heilbronn, überwiegend aus den osteuropäischen Ländern.

Würdig Zur Erinnerung an die Zerstörung der Synagogen sowie die Schändung von Geschäften und Wohnungen jüdischer Bürger während der Pogromnacht erschien am 9. November 1988, in Jerusalem eine Sonderbriefmarke. Wie bedeutsam die Heilbronner Synagoge seinerzeit war, zeigt sich daran, dass gerade sie als Motiv für die israelische Gedenkmarke ausgewählt wurde. Mit dem Bethaus an der Allee, einem Stück Orient, war das moderne Judentum einundsechzig Jahre lang ein voll integrierter Bestandteil europäischer Kultur gewesen.

Am Gedenkstein der Heilbronner Synagoge an der Allee findet am heutigen Donnerstag, 9. November, 19.15 Uhr, eine Feier statt.

Das Foto eines Nachbarn zeigt die lodernde, einstürzende Zentralkuppel am frühen Morgen des 10. November 1938.
Das Foto eines Nachbarn zeigt die lodernde, einstürzende Zentralkuppel am frühen Morgen des 10. November 1938.
In Heilbronn ist wieder jüdisches Leben erwacht. An der Stelle, wo einst die Synagoge stand, entzündete im vergangenen Jahr ein Rabbiner den Chanukka-Leuchter.
In Heilbronn ist wieder jüdisches Leben erwacht. An der Stelle, wo einst die Synagoge stand, entzündete im vergangenen Jahr ein Rabbiner den Chanukka-Leuchter.
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