Rausch auf Rezept
Heilbronn - Drogenberater und Suchtärzte schlagen Alarm. Ein Medikament names Lyrica ist unter Konsumenten harter Drogen seit knapp drei Jahren in Umlauf. Medizinern werfen sie vor, das Medikament zu schnell und zu leichtfertig zu verschreiben.

Dorothea Schmidt, Oberärztin in der Suchtklinik Weinsberg, sagt, dass bei Drogentoten auch immer öfter Lyrica nachgewiesen werde. "Für Zuckerkranke und Menschen mit Nervenschmerzen ist es ein gutes Medikament", sagt Schmidt. Doch Methadon-Patienten würden versuchen, die Wirkung des Heroin-Ersatzstoffs zu verstärken. Mit katastrophalen Folgen. Dabei erhalten Drogenabhängige das Medikament oft völlig legal. Per Rezept beim Hausarzt oder Neurologen.
Schwarzhandel
Micha (Name geändert) ist Methadonpatient. "Ärzte haben Lyrica viel zu schnell verschrieben", sagt er. Es habe zu lange gedauert, bis die Ärzte vom Missbrauch des Medikaments erfahren hätten. Er kenne Drogenabhängige, die bis zu sechs Tabletten am Tag schlucken würden. "Die Leute benehmen sich, als wären sie total zugekifft", sagt er. Längst habe Lyrica auch den Weg in den Schwarzhandel gefunden. "Auf der Straße ist es ein gutes Zahlungsmittel, das die Junkies fest in ihr Monatsbudget mit einkalkulieren."
Zu hohe Dosen und eine bereits auffällige Abhängigkeit: Dorothea Schmidt kann das bestätigen. "Überdosiert und gemeinsam mit anderen Suchtmitteln scheint Lyrica abhängig zu machen." Viele der Konsumenten seien auch der Meinung, sie könnten damit ihren Suchtstoff reduzieren und stattdessen Lyrica nehmen. Aber das würde nicht funktionieren.
"Dieses Medikament hat eine Indikation. Und daran sollte man sich auch halten", sagt Eiko Schnaitmann. Er praktiziert in der Substitutionspraxis in der Heilbronner Paulinenstraße. Auch er verweist auf eine hohe Abhängigkeitsrate von Lyrica. Bei missbräuchlicher Anwendung führe es zu Herz-Rhythmus-Störungen. "Es scheint auch Todesfälle gegeben zu haben", sagt Schnaitmann.
Schläfrig
Leo Hoffmann hat von Berufs wegen viel mit Drogenabhängigen zu tun. Er ist Sozialarbeiter bei der Aids-Hilfe Unterland. "Abhängige, die über eine längere Zeit Lyrica nehmen, vergessen zu essen, nehmen ab und sehen verwahrlost aus." Schläfrig und lahm seien die Konsumenten. Der Stoffe verschaffe ihnen "eine gewisse Dröhnung". Von den Junkies weiß er, wie schnell sie an Lyrica kommen: "Die beste Geschichte bei den Ärzten wird mit einem Rezept belohnt."
Die Serie "Abhängig − und dann?" beleuchtet in mehreren Teilen unterschiedliche Sucht- und Abhängigkeitsformen von Heroin- bis zur Spielsucht.
Stimme.de