Ist der „Idiotentest“ zu schwer?

   | 
Lesezeit  2 Min
Erfolgreich kopiert!

Der Tüv Süd wehrt sich gegen Kritik - Problem „EU-Führerschein“

Von Helmut Buchholz
Ist eine Verhaltensänderung zu erwarten? Das überprüft Psychologe Thomas Grotzer vom Tüv Süd (links) im Gespräch mit dem Autofahrer.
          Foto: Dittmar Dirks
Ist eine Verhaltensänderung zu erwarten? Das überprüft Psychologe Thomas Grotzer vom Tüv Süd (links) im Gespräch mit dem Autofahrer. Foto: Dittmar Dirks

Ich fühle mich regelrecht verschaukelt“, sagt Steffen R. Der 26-Jährige ist bei der Medizinisch-Psychologischen-Untersuchung (MPU) beim Tüv Süd in Heilbronn durchgefallen. Und das, obwohl ihm der Psychologe nach dem Gespräch gesagt hatte, er habe bestanden. Schon seit fünf Jahren kämpft er darum, wieder seinen Führerschein zu bekommen. Vergeblich. Dabei schwört er Stein und Bein, dass er seit fünf Jahren keine Drogen mehr nimmt.

Solche Vorwürfe kontert Thomas Grotzer mit der Erfolgsquote. 63 Prozent aller Teilnehmer schaffen den Test beim ersten Versuch in Heilbronn, sagt der Leiter der Tüv-Süd-Niederlassung in Heilbronn, einer von 150 MPU-Prüfstellen in Deutschland und der einzigen in der Region. Heilbronn falle bundesweit damit nicht aus dem statistischen Rahmen.

Fingerspitzengefühl Das sieht Branko Schrammel aber ganz anders. Er bereitet Autofahrer wie R. auf die MPU vor. Auf was es ankommt, weiß er aus eigener Erfahrung. Schrammel musste vor fünf Jahren seine „Pappe“ abgeben. „Wegen Alkohol.“ Allerdings schaffte er den Test in Heilbronn auf Anhieb. Dennoch sagt er: „Die Untersuchung ist hier ganz schwer.“ Er weicht deshalb mit seinen Schützlingen auf andere Prüfstellen aus. Zum Beispiel nach Mannheim, Heidelberg und Stuttgart.

„In Heilbronn mangelt es an Fingerspitzengefühl“, erklärt Schrammels Branchenkollege Thomas Rieger. Das liege weniger an den Richtlinien, die in der ganzen Republik gelten. „Vielmehr geht es darum, wie die Leute behandelt werden, die unter einem immensen Existenzdruck leiden und deshalb noch nervöser sind.“ Sein Fazit: „Es menschelt auch bei den Testern des Tüv Süd.“

Abzocker Allerdings räumt Rieger rein, dass es in seinem Metier solche und solche gibt. Da gebe es auch Abzocker, die mit den Ängsten der Leute Geld machen.

Kritik an der Heilbronner Prüfstelle hört man nur von denen, die durchgefallen sind“, nimmt Gerd Proißl, Chef der Führerscheinstelle im Rathaus Heilbronn, den Tüv Süd in Schutz. „Die Prüfstellen werden jedenfalls amtlich zugelassen und kontrolliert. Doch Vorbereitungskurse darf jeder anbieten.“

Eines bereitet den Behörden allerdings zurzeit noch mehr Sorgen: „Der EU-Führerschein ist ein großes Problem“, berichtet Joachim Knecht von der Führerscheinstelle des Landratsamtes. Wer die landläufig immer noch „Idiotentest“ genannte MPU in Deutschland nicht schafft, macht in Tschechien oder in Polen den Führerschein - und darf sich durch eine Gesetzeslücke wieder in Deutschland ans Steuer setzen.

Im nächsten Jahr will der Gesetzgeber die Lücke schließen. Bis dahin bezeichnet Thomas Wagenpfeil das EU-Schlupfloch als „Irrsinn“. Der Diplom- und Verkehrspsychologe beim Tüv Süd beteuert, „dass es bei der MPU ja gerade um eine Verhaltensänderung bei den Betroffenen geht“. Der EU-Führerschein konterkariere dieses Ziel. Im übrigen wehrt er sich vehement gegen die Vorwürfe und die Mythen, die sich um die MPU ranken. „Wir lesen keinen Kaffeesatz, sondern haben klare Richtlinien, nach denen wir entscheiden.“ Gleichwohl räumt er ein: „Es sind auch immer Menschen, die entscheiden.“

 

Hintergrund

Wer muss zur MPU?
Die Medizinisch-Psychologische-Untersuchung (MPU) wird von den Führerscheinbehörden oder den Gerichten bei Auffälligkeiten im Straßenverkehr angeordnet. Klassischer Auslöser sind gravierende Delikte wie Trunkenheitsfahrten mit mehr als 1,6 Promille, mehrfache Fahrten unter Alkoholeinfluss, Fahrten unter Drogeneinfluss oder mehr als 18 Punkte im Verkehrszentralregister in Flensburg. Etwa 104\x0f000 Personen müssen sich pro Jahr der MPU in Deutschland stellen. Das sind rund 0,2 Prozent aller Führerscheininhaber. Die Prüfstelle des Tüv Süd in Heilbronn hat pro Jahr rund 1200 Testkandidaten.

Wie läuft eine MPU ab?
Die auch Fahrer-Tüv genannte MPU erfolgt nach bestimmten Begutachtungskriterien, die bundeseinheitlich für alle Prüfstellen gelten. Zuerst werden an einem Testgerät die Konzentrations- und Reaktionsfähigkeit geprüft. Es folgt die medizinische Untersuchung. Am Ende steht ein etwa einstündiges psychologisches Gespräch, bei dem die Einstellung des MPU-Kandidaten zu seinem Fehlverhalten besprochen wird. Der Fragesteller überprüft, ob eine Verhaltensänderung zu erwarten ist. Besonders an dieser letzten Hürde scheitern die meisten MPU-Teilnehmer. mut

Nach oben  Nach oben