Zur Vielweiberei geboren?
Wissenschaftsreihe "Lauffen will es wissen" beschäftigt sich mit dem Sexualverhalten von Primaten

Die Hoden des Schimpansen sind fast so groß wie sein Gehirn, der Penis des Gorillas ist dagegen nur zwei Zentimeter lang. Der eine muss die Frauen beeindrucken, während der andere das nicht nötig hat. Genitale Selektion nennt sich das und sagt viel über das Zusammenleben der Primaten aus. Professor Volker Sommer, Lehrstuhlinhaber für evolutionäre Anthropologie am University College London, zieht bei "Lauffen will es wissen" am Donnerstagabend daraus auch Schlüsse für den großen Primaten "Mensch".
Forschung "Der nackte Affe im neuen Licht − Sexualbiologie der Primaten" lautet das Thema der zweiten Veranstaltung zur diesjährigen, von Wissenschaftsjournalist Wolfgang Hess moderierten Reihe.
Seit Jahrzehnten untersucht der gebürtige Hesse und Hölderlin-Fan Sommer das Sozialverhalten von Primaten und begrüßt das Publikum denn auch gleich mit einem fröhlichen "liebe Mitprimaten". Gerade über die Freilandforschung habe es viele neue Erkenntnisse gegeben, berichtet er, der selbst in Indien, Thailand und Nigeria Tiere beobachtet.
Es gibt verschiedene Dimensionen der Auslese. Die natürliche durch Klima, Nahrung, Raubfeinde und Krankheit sowie die geschlechtliche durch Artgenossen. Der Pfau beeindruckt Weibchen mit seinem ansonsten vollkommen unnützen Federschmuck, die Schimpansin mit enorm geschwollenem Geschlechtsteil in der fruchtbaren Phase. Es gibt vier Kategorien des Zusammenlebens: Einehe (Monogamie), Vielweiberei (Polygynie), Gruppenehe (Polygynandrie) und Vielmännerei (Polyandrie). Leben die Affen monogam wie die südamerikanischen Krallenaffen sind beide Geschlechter gleich groß, bei polygynem Zusammenleben (Gorilla) sind die Männchen viel größer.
Die genitale Selektion geht noch weiter in die Tiefe. Die roten Hintern der weiblichen Paviane, die von den Männchen auch ausgiebig betrachtet werden, sind typisch für Gruppenehe, denn die Weibchen versuchen, die Konkurrenz anzustacheln. Muriki-Weibchen paaren sich in kürzester Zeit mit vielen Männchen, veranstalten eine Art "Spermienlotto". Auch die Länge des Geschlechtsakts ist aufschlussreich.
Umwelt Betrachtet man diese Merkmale nun, lande man beim Menschen bei der Vielweiberei, so der Forscher. Die gibt es auch, aber auch alle anderen Formen des Zusammenlebens tauchen auf.
"Durch alle Kulturen hinweg ist die Polygynie, nur manchmal oder allgemein üblich, mit 83 Prozent am häufigsten", stellt Sommer fest. Ist das also die natürliche Eheform des Menschen? So einfach ist es nicht, denn auch bei den anderen Primaten gibt es keine hundertprozentige Festlegung. Professor Volker Sommer: "Es kommt immer auf die Umweltsituation an."

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