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Obersulm

Reich verziert mit Blütenranken und Palmwedel

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Italienischer Architekt baute im 18. Jahrhundert Schloss Eschenau im Rokoko-Stil um

Von unserer Redakteurin Sabine Friedrich
Die Gartenansicht nach dem Umbau im Rokoko-Stil mit dem 1745 neu errichteten Mittelrisaliten (vorspringender Gebäudeteil).
Die Gartenansicht nach dem Umbau im Rokoko-Stil mit dem 1745 neu errichteten Mittelrisaliten (vorspringender Gebäudeteil).

Vom Louvre nach Eschenau − das ist ein weiter Weg und eine überraschende Verbindung. So weit hergeholt ist diese dann doch nicht. Die Gemeinsamkeit: das Barock. Und so gelangte Referent Michael Wenger aus Stuttgart von den wichtigsten barocken Residenzschlössern in Paris, Wien und St. Petersburg am Ende seines Streifzugs durch die europäische Barock-Architektur zu einem Prachtexemplar dieser Stilepoche, wie es Landrat Detlef Piepenburg ausdrückte − zugegeben in kleinerer Dimension: zum Schloss im Obersulmer Teilort. Neben Beispielen aus der Baugeschichte des Deutschordens in Stadt- und Landkreis Heilbronn bildete das ehemalige Rittergut in seiner Neugestaltung den dritten Schwerpunkt der "Geschichtspunkte", der historischen Reihe des Landkreises. 250 Interessierte, vor allem aus Heimat- und Geschichtsvereinen, ließen sich in Wort und Bild einen Nachmittag lang in der Gemeindehalle von den Experten informieren und den örtlichen Landfrauen mit Speis und Trank verwöhnen.

Leopoldo Retti Die Eschenauer wissen natürlich, welches Kunstdenkmal sie in ihrem Ort haben. So waren Ortsvorsteherin Suse Diehl die Ausgestaltung und der Bauherr, Leopoldo Retti, natürlich ein Begriff. "Er hat das Neue Schloss in Stuttgart gebaut", wusste Diehl, die aus der Landeshauptstadt stammt. Mit dem Nachfolgebau der Burg, 1504 im Zuge der Landshuter Erbfolgekriege niedergebrannt, verbindet die Ortsvorsteherin Erinnerungen. Ihre Kinder haben im Schloss gespielt: "Wo kann man in einem Flur schon Rollschuh fahren?"

Ortwin Siller gar verbrachte seine ersten acht Jahre im ehemaligen Herrschaftssitz. Seine Eltern hatten nach dem Krieg hier eine Wohnung erhalten. "Ich habe mich auf Anhieb an das Treppenhaus erinnert", sagte er nach dem 50-minütigen Vortrag von Rolf Bidlingmaier, Stadtarchivar von Metzingen. Als Kinder seien sie immer das Geländer heruntergerutscht, erzählte der Ordnungsamtsleiter im Ruhestand der Gemeinde Obersulm. Und da gab es im Handlauf eine Rinne, in der sie Kugeln laufen ließen.

Die Quellenlage sei ausgesprochen schlecht, führte Referent Bidlingmaier aus, einzig in der Weinsberger Oberamtsbeschreibung von 1861 findet sich ein Hinweis auf den italienischen Architekten, der das Renaissance-Schloss aus dem 16. Jahrhundert beim Umbau im Rokokostil erheblich veränderte: "... im Jahre 1745 von Freiherrn von Killinger durch Leopoldo Retti in italienischem Styl massiv umgebaute gutsherrschaftliche Schloß."

Orangerie Heute noch erhalten sind die von Retti (1704 − 1751), einem der führenden Architekten Süddeutschlands, erbaute Orangerie und der Gartenpavillon. Aber auch viele kunstvolle Details, wie Aufnahmen aus dem Schlossinneren, die Besitzerin Isa Marina von Bernus − selbst unter den Zuhörern − ermöglicht hatte, zeigten. Reiche Rokokostuckaturen in den Räumen des ersten Obergeschosses, im Festsaal und vor allem im Treppenhaus, wo sich der Reichtum des Zierwerks von Stock zu Stock steigere.

In der Deckenwölbung des zweiten Obergeschosses finden sich Kartuschen mit Pflanzen, Blütenranken und Palmwedel. Eingelegte Fußböden, Wandspiegel und Türschlösser zeugten von einer hochwertigen Ausstattung. An der Gartenseite trägt der Dreiecksgiebel ebenfalls reichen Rokokostuck − und zwar mit dem Wappen der Freiherren von Hügel, die im 19. Jahrhundert zu den Besitzern des Schlosses gehörten.

Apropos Besitzer: Johann Melchior Killinger (1689 − 1747), 1737 von Kaiser Karl VI in den Reichsadelstand erhoben, und sein Erbe, Bruder Georg Friedrich Killinger (1702 − 1766) sind in der Eschenauer Kirche von 1756 bestattet.

Zur kunstvollen Ausstattung zählen auch Türschlösser wie dieses.
Zur kunstvollen Ausstattung zählen auch Türschlösser wie dieses.
Das Treppenhaus im Eschenauer Schloss ist von repräsentativem Charakter. Von Stockwerk zu Stockwerk steigert sich der Reichtum der Stuckdekoration, gipfelt in der Deckenwölbung.Fotos: Guido Sawatzki
Das Treppenhaus im Eschenauer Schloss ist von repräsentativem Charakter. Von Stockwerk zu Stockwerk steigert sich der Reichtum der Stuckdekoration, gipfelt in der Deckenwölbung.Fotos: Guido Sawatzki
Über dem selbst schmucklosen Empfangszimmer im ersten Obergeschoss befindet sich das farbige Wappen der Familie Killinger − von 1736 bis 1806 die Besitzer des Ritterguts Eschenau.
Über dem selbst schmucklosen Empfangszimmer im ersten Obergeschoss befindet sich das farbige Wappen der Familie Killinger − von 1736 bis 1806 die Besitzer des Ritterguts Eschenau.
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