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Jubiläum

Global Player aus Böckingen hat Dreh raus

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Gültig entwickelte die ersten reinen Korken und erforschte Ursache von Fehltönen

Von unserem Redakteur Kilian Krauth
Der 88-jährige Rudolf Czerner (li.) war Prokurist unter Firmengründer Heinrich Gültig. Rüdiger Bleckmanns Familie kaufte die Firma vor 50 Jahren.Foto: Guido Sawatzki
Der 88-jährige Rudolf Czerner (li.) war Prokurist unter Firmengründer Heinrich Gültig. Rüdiger Bleckmanns Familie kaufte die Firma vor 50 Jahren.Foto: Guido Sawatzki

Rüdiger Bleckmann hat allen Grund, Korken knallen zu lassen, nicht nur zum Jahreswechsel: Er ist mit einem Jahresausstoß von knapp 200 Millionen Flaschenverschlüssen Marktführer seiner Art in Deutschland, gehört weltweit zu den Top Ten und feiert in diesem Dezember den 60. Geburtstag seiner Firma, der Heinrich Gültig Korkenwarenfabrikation GmbH. Geburtstagsadressen gehen von Böckingen an 5000 Kunden auf der nördlichen Erdhalbkugel. Nicht nur mit Naturkorken, sondern auch mit hochwertigen Schraubverschlüssen hat Gültig heute den Dreh raus.

Revolution Schlüssel des Erfolgs ist ursprünglich ein Schulterschluss von Firmengründer Heinrich Gültig und der Weinbauschule Weinsberg, namentlich mit deren ehemaligem Direktor Klenk und dem genialen Heilbronner Weingärtner Gerhard Strecker. Das Trio entwickelt in den 50ern das "Gültig-Verfahren", also die Sterilisierung von Kork mit Schwefeldioxid. Damit konnten Weine erstmals nicht nur sauber, sondern rein verschlossen werden. Zuvor musste das elastische Material zwecks Passgenauigkeit nass gepfropft werden und färbte oft negativ auf den Wein ab. "Das Verfahren galt als Revolution, mit dem Patent machte es bei Gültig plopp!". Der damalige Prokurist Rudolf Czerner (88) erinnert sich gut.

Die fast vergessenen Wurzeln des Korkriesen liegen in der Heilbronner Olgastraße 54, wo Wilhelm Lahnstein und Ernst Scheurer 1949 die Firma Zuko W. Lahnstein & Co. gründeten. Im Dezember 1953 erwarb Gültig die zunächst nur regional aktive Firma. Vom späteren Standort an der Biberacher Straße 28 in Neckargartach übersiedelte man bald an die Böckinger Kastellstraße 68, wo die Firmengruppe nach etlichen Erweiterungen bis heute sitzt und dort gleichsam eine Drehscheibe in alle Welt betreibt. "Wir waren wohl eine der ersten Unterländer Firmen, die damals schon global unterwegs waren", wie Rüdiger Bleckmann heute sagt.

Weitere Wegmarken setzt Bleckmanns Vater Günther. Nach Heinrich Gültigs Tod 1963 verkaufen dessen Kinder Karl und Renate die Firma 1969 an Günther Bleckmann. Er entstammt einer westfälischen Zementer-Dynastie und hat sich bis zu seiner Pension 1991 zum internationalen Kork-Patron entwickelt. So eint und führt er die zerstrittene Branche im Deutschen Korkverband zusammen, initiiert den europäischen Zusammenschluss.

Kunststoff Der Integrator war auch Innovator: Nach Gründung weiterer Verkaufsbüros in Frankreich entwickelt er 1972 bis 1975 den weltweit ersten voll geschäumten Kunststoffkorken. 1975 tritt nach dem Studium der Betriebswirtschaft Rüdiger Bleckmann (Jahrgang 1950) in die Firma ein. 1982 starten Vater und Sohn mit der Schweizer Forschungsanstalt Wädenswil das weltweit erste wissenschaftliche Projekt zur Erforschung der Ursachen von Korkgeschmack − und finden sie in "2,4,6 Trichloranisol", heute allgemein unter "TCA" geläufig.

Standard Mit dem ersten chlorfreien Korken namens "1n" setzt Gültig 1986 einen Branchenstandard. Auch mit der Versiegelung von Naturkorken leistet man Pionierarbeit. 1995 wird die Firma als erste in der deutschen Korkenbranche nach DIN ISO 9002 zertifiziert, 2004 bekommt man als erster in Deutschland das internationale HACCP; dahinter stecken innovative Methoden der Qualitätssicherung. 2010 folgt das Nachhaltigkeits-Siegel FSC.

Und warum finden sich im Wein immer mal wieder Fehltöne? "Weil Kork ein Naturprodukt ist", erklärt Bleckmann, betont aber, dass nur ein Bruchteil vom Kork herrühre, öfter von Kellereinflüssen wie Holz- und Feuerschutzmitteln. Von der Ökobilanz her sei das Naturprodukt unschlagbar. Gleichwohl öffnet sich Gültig 2007 in einer Kooperation mit Vertriebspartner CSI (damals Alcoa) hochwertigen Schraubverschlüssen, also Longcaps, wie sie in der Schweiz entwickelt wurden und seit sechs, sieben Jahren 90 Prozent der Württemberger Weinflaschen verschließen.

Nur noch ein Fünftel der 1,1 Milliarden Weinflaschen, die pro Jahr in Deutschland abgefüllt werden, sind verkorkt. 2003 waren es noch zwei Drittel.Foto: Brian Jacket/Fotolia
Nur noch ein Fünftel der 1,1 Milliarden Weinflaschen, die pro Jahr in Deutschland abgefüllt werden, sind verkorkt. 2003 waren es noch zwei Drittel.Foto: Brian Jacket/Fotolia
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