Stimme+
Heilbronn

Einst kaufte Sontheim bei Vivo ein

   | 
Lesezeit  2 Min
Erfolgreich kopiert!

Spitzweg-Apotheke seit 35 Jahren in den Räumen des ehemaligen Supermarkts

Von unserer Redakteurin Gertrud Schubert
Heute prägen vor allem die hochgewachsenen Bäume das Straßenbild. Josef de Pontes Pferdebild auf der oberen Hausfassade (links) hat sich erhalten.Foto: Guido Sawatzki
Heute prägen vor allem die hochgewachsenen Bäume das Straßenbild. Josef de Pontes Pferdebild auf der oberen Hausfassade (links) hat sich erhalten.Foto: Guido Sawatzki

Vivo? Die Jungen schauen irritiert. Die Älteren lachen und sagen, "klar Fifo, kenn’ ich": Da sind sie früher einkaufen gegangen. In Sontheim seit 1962. Doch viel länger als der Supermarkt ist jetzt schon die Apotheke in der Spitzwegstraße. Vor 35 Jahren hat Waltraud Stein-Rudolph (64) wagemutig die 300 Quadratmeter Verkaufsfläche übernommen und einen Teil davon umgebaut. Es war eine Option auf die Zukunft. Denn in Sontheim-Ost standen erst ganz vereinzelt Häuser. Und von den Altenheimen, die auf Apotheken angewiesen sind, redete noch kein Mensch.

Viele Vorteile wollte der Supermarkt seiner Kundschaft bieten, daher der Name: Vivo. Die Sontheimer kauften damals ihre Lebensmittel im Lichdi (heute Gerdas Laden) und in der Hauptstraße gleich gegenüber beim Konsum. Und eben im Vivo. Als das Sparland in der Mauerstraße gebaut wurde, kam für den Supermarkt in der nahen Spitzwegstraße allerdings das Aus − und für die Apothekerin die große Chance, in ihrem Heimatort ihr eigenes Geschäft aufzumachen.

Kunst am Bau Heute erinnert kaum mehr etwas an die alten Zeiten. Gut, die Schaufenster sind noch von früher. Und die Kunst am Bau hat sich bislang zum Glück als unverwüstlich erwiesen. Hoch oben an der Seitenwand stehen − von den meisten unbeachtet − fünf Pferde von Josef de Ponte. Sein Christophorus am gleichnamigen Kindergarten ist längst hinter Dämmmaterial verschwunden. Die Pferde am Haus des Kommunalen Versorgungsverbandes aber durften bleiben.

Eigentlich hatte die "Tochter vom Kohle-Stein", so beschreibt Waltraud Stein-Rudolph lächelnd ihre Herkunft, in die Fußstapfen ihres Vaters treten wollen und schon einen Güterfernverkehrsschein gemacht. Denn Stein ließ Lastwagen bis ins Rheinland fahren. Doch der Vater war dagegen. Da probierte die Waltraud den neuen Kombi-Studiengang Medizinische Informatik an der nahen Fachhochschule und der Universität Heidelberg aus, doch merkte sie bald: "Da kann man Kinder und Beruf nicht verbinden." Also studierte sie in München Pharmazie, machte Lehr- und Wanderjahre in vielen Apotheken, um sich dann von allen Seiten gut informiert in das eigene Geschäftsprojekt zu stürzen.

Die Hälfte des Supermarktes reservierte Stein-Rudolph für einen Arzt, der sich auch bald einstellte. Die andere Hälfte verwandelte sie eine Apotheke. Die praktischen Schiebeschränke mit insgesamt 240 Schubladen stammen noch aus den Anfangsjahren. Aber das Lochkartensystem hat längst ausgedient. "Ohne Computer tät’ es nicht mehr gehen", sagt auch Kristian Rudolph (31), der den Beruf der Mutter zu dem seinen gemacht hat, und nach seinen "Wanderjahren" seit August jetzt zum zehnköpfigen Team in der Spitzwegstraße zählt.

Konkurrenz War die Spitzweg-Apotheke anfangs die zweite in Sontheim, gesellten sich noch zwei weitere dazu. Die Hauptkonkurrenz für die inhabergeführten Apotheken sei freilich das Internet, sagt Waltraud Stein-Rudolph. Unverdrossen zählt sie auf ihre Stammkundschaft: "Alle gesellschaftlichen Schichten kommen, alle Sorten von Problemen gibt es zu lösen." Die Apothekerin liebt ihren Beruf: "Der hat mit dem wirklichen Leben zu tun."

So sah es in der Spitzwegstraße früher aus: Die Mehrfamilienhäuser mit Balkonen und der große Laden im Erdgeschoss waren 1962 hochmodern.Foto: Archiv/Hermann Eisenmenger
So sah es in der Spitzwegstraße früher aus: Die Mehrfamilienhäuser mit Balkonen und der große Laden im Erdgeschoss waren 1962 hochmodern.Foto: Archiv/Hermann Eisenmenger
Nach oben  Nach oben