Ein neues Leben im Westen
Heinz Gruner floh 1953 aus der DDR. Der heute 86-Jährige erinnert sich noch gut an sein Leben im Durchgangslager in Weinsberg - ein Flüchtling, heimat- und mittellos.
"Wir haben wie Flüchtlinge ausgesehen. Da haben wir uns geschämt", sagt der Heilbronner Heinz Gruner. Der heute 86-Jährige erinnert sich noch gut an sein Leben im Durchgangslager in Weinsberg. Im März 1953 ist er mit seiner Frau, seinen beiden Kindern und den wenigen Habseligkeiten, die er mitnehmen konnte, dort angekommen: als Flüchtling, heimat- und mittellos. Ein Schicksal, das er zu der Zeit mit vielen tausenden DDR-Flüchtlingen teilte.

Wer heute über Flüchtlinge spricht vergisst oft, dass einschneidende Erlebnisse hinter den Betroffenen liegen. Heute wie damals. Gruner hatte die Wirren des Zweiten Weltkriegs eigentlich schon überstanden. 1927 in Lengenfeld im Vogtland (Sachsen) geboren, wurde er 1944 zum Militärdienst einberufen. Nach Kriegsende geriet er in Kriegsgefangenschaft, wegen seines jungen Alters wurde er aber nach Hause geschickt. Er hatte Glück.

Doch Jahre später, im Oktober 1952, stellte eine Tanzveranstaltung im Vogtland sein Leben von einem Tag auf den anderen auf den Kopf. Eigentlich wollte der damals 25-jährige Mann nur einen schönen Abend mit seiner Frau Marianne verbringen. Wenige Tage später war er auf der Flucht vor den sowjetischen Besatzern. Ein russischer Soldat hatte bei der Feier seine Frau angemacht, erinnert sich Gruner. Die folgende Rangelei wurde zwar geschlichtet. Gruner erfuhr jedoch wenig später von einem Bekannten, dass er in der DDR nicht mehr sicher sei. Der Staatsapparat beobachte ihn.
Mit 26 Jahren floh er in den demokratischen Westen. Er setzte sich zunächst ohne seine Frau und seine beiden Kinder ab. Mit der S-Bahn fuhr er nach West-Berlin. "Das war damals noch relativ sicher möglich", sagt Gruner. Die Berliner Mauer war noch nicht gebaut. Der Sachse kam in einem ehemaligen Weltkriegsbunker unter.

Mit 50 bis 60 Menschen war Gruner in einem fensterlosen Raum untergebracht. Im Januar 1953 kam seine Frau mit den Kindern nach. Doch in Berlin konnte der Vogtländer, der heute in Leingarten lebt, nicht bleiben. Im März 1953 wurde er von der Besatzungsverwaltung für einen Flug nach Frankfurt eingeteilt. Mit dem Zug ging es weiter nach Stuttgart und schließlich ins Durchgangslager nach Weinsberg.
Das Lagerleben war entbehrungsreich. Die eisernen Doppelstockbetten mussten die Bewohner selbst aus einer Baracke holen, aufstellen und putzen. Als Matratzen verwendeten sie Säcke, die sie mit Stroh stopften. Mehrere Familien teilten sich ein Zimmer in den Baracken. Die Gruners lebten mit einem älteren Ehepaar zusammen. Es gab Gemeinschaftstoiletten und eine gemeinsame Kantine. Ein Jahr später wurde die Familie in das Kreislager auf Burg Stettenfels in Untergruppenbach gebracht. 24 Menschen lebten in einem Zimmer zusammen. Es gab keine Tische, keine Stühle. Gegessen wurde in den Doppelstockbetten. Verglichen mit den Lebensbedingungen heutiger Flüchtlinge, haben es die Gruners damals schwerer gehabt. Da ist sich der 86-Jährige sicher. "Wir wussten, dass wir uns damit abfinden mussten, was wir bekommen."
Neue Wohnung
Ende 1954 ging es auch für die Familie aus dem Vogtland wieder bergauf. Bei einer Spedition begann Heinz Gruner als Kraftfahrer. Er bekam eine erste kleine Wohnung in Heilbronn zugewiesen. 54 Quadratmeter und ein Kohleofen. "Für uns war das der Himmel auf Erden."

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