Geschichten mit gutem, Geschichten mit tödlichem Ausgang

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Schicksale häuslicher Gewalt aus der Region und wie sie endeten - Das Leben der 48-jährigen Ulrike B. ist eines dieser Leben, die die Polizei gern gerettet hätte, aber nicht mehr retten konnte.

Von Franziska Feinäugle

Region Heilbronn - Das Leben der 48-jährigen Ulrike B. ist eines dieser Leben, die die Polizei gern gerettet hätte, aber nicht mehr retten konnte. Ihr gewaltsamer Tod vor zweieinhalb Jahren in ihrem Horkheimer Zuhause steht in grausamer Anschaulichkeit für ein Thema, das den abstrakt klingenden Namen „häusliche Gewalt“ trägt, ein Thema, das Polizei, Behörden, Runde Tische und öffentliches Bewusstsein in der Region seit sieben Jahren anders beschäftigt als in den Jahrzehnten davor (siehe Kasten).

Was sich hinter den verschlossenen Türen von Privatwohnungen und Häusern im Stadt- und Landkreis Heilbronn abspielt, landete vergangenes Jahr 436 Mal bei den polizeilichen Sachbearbeitern für „Gewalt im sozialen Nahraum“, wie es sie mittlerweile bei jedem der sechs Unterländer Polizeireviere gibt. Ihr Koordinator ist Kripo-Mann Alfred Kulka. Schicksale lassen sich inzwischen skizzieren, Schicksale häuslicher Gewalt aus der Region. Manche dieser Geschichten haben ein gutes Ende, manche ein tödliches.

Wenige Tage, bevor Ulrike B. von ihrem Ehemann zuhause erwürgt wurde, war Polizeiobermeisterin Petra Herzog noch bei ihr in Heilbronn-Horkheim: Die Ehe des ehemaligen Republikaner-Stadtrats Bernhard B. war als Gewalt-Ehe polizeibekannt, Polizei und Ordnungsamt haben „alles versucht“ (Herzog), um das Schlimmste zu verhindern. Doch die 48-Jährige lässt die Polizistin gar nicht in die Wohnung: Vom Balkon aus signalisiert sie, es sei alles in Ordnung. „Man ist überhaupt nicht an sie herangekommen“, erinnert sich Herzog. „Total geblockt“ habe sie, auch beim Ordnungsamt nie zurückgerufen. „Sie hat uns keine Chance gegeben.“

Dankbar Auch Sibylle Mauthe vom Heilbronner Ordnungsamt hat es „so kommen sehen“. Aber wenn die Betroffenen nicht wagen, sich den potenziellen Helfern zu öffnen, „ist man machtlos“. Ambivalenz, Zwiespältigkeit ist etwas, das Mauthe häufig erlebt bei Opfern häuslicher Gewalt: „Erst sind sie erleichtert, dass wir helfen; dann brauchen sie aber drei, vier Anläufe, bis sie es schaffen, sich aus der Gewaltbeziehung zu lösen.“

Eine jüngere Frau, die es nach mehreren Versuchen geschafft hat, kommt noch heute immer wieder zu Petra Herzog und bringt ihr Blumen. Dreimal war sie früher, während ihrer Gewaltbeziehung, bei ihr: „Ich habe ihr jedesmal Bilder vom letzten Mal gezeigt“, erzählt Herzog, Bilder davon, wie sie aussah, nachdem ihr tunesischer Partner sie einmal beinahe aus dem Fenster geworfen, mal ihr eine Flasche über den Kopf gezogen hatte, kurz: sie jedesmal krankenhausreif geschlagen hatte. Heute fragt sich die Frau, warum sie nicht schon viel früher gegangen ist, und ist dankbar, es jetzt getan zu haben. Polizeioberkommissarin Claudia Dürr, beim Neckarsulmer Polizeirevier Expertin fürs Thema häusliche Gewalt, erinnert sich an ein junges türkisches Ehepaar aus dem nördlichen Landkreis: sie „sehr westlich orientiert“, er nicht damit einverstanden, „dass sie so selbstständig ist“. Öfters wurde die Polizei dorthin gerufen, mindestens zweimal wurde der Mann per Platzverweis der gemeinsam Wohnung verwiesen. Dann bekamen die beiden von Amts wegen die Auflage, zur Eheberatung zu gehen. Dürr: „Das hat funktioniert.“

Der vielleicht bemerkenswerteste Ausstieg aus einer Gewalt-Ehe ist einer 81-jährigen Heilbronnerin geglückt. Die Frau „ist jetzt geschieden, kommt gut zurecht und lädt mich ab und zu zum Kuchen ein“, fasst Polizistin Petra Herzog zusammen. 60 Ehejahre lang war die Frau von ihrem Mann vergewaltigt, beschimpft und mit dem Tode bedroht worden. Bis sie sich schließlich dazu durchrang, ihn anzuzeigen. Jetzt lebt er im betreuten Wohnen, und sie lebt „die Jahre, die mir noch bleiben, in Frieden“, wie sie es sich bei der Gerichtsverhandlung vergangenes Jahr gewünscht hat.

Hintergrund

Häusliche Gewalt
Als „Hausstreitigkeiten” tauchte häusliche Gewalt bis 1999 nahezu täglich im polizeilichen Vorkommnisbericht auf; mehr als den Täter vorübergehend in Gewahrsam zu nehmen, konnte die Polizei nicht tun. Im Jahr 2000 jedoch wurden erst Neckarsulm, drei Monate später auch Heilbronn Modellstädte fürs Landesmodellprojekt „Platzverweis”: Seither ­ längst nicht mehr nur in Modellform ­ können Gewalttäter von der Polizei für mehrere Tage der Wohnung verwiesen werden, und die Ordnungsämter können mehrwöchige Aufenthaltsverbote verhängen, die es dem Täter untersagen, sich Wohnung, Arbeitsstelle der Frau oder Kindergarten auf mehr als 100 Meter Schutzabstand zu nähern. Im Mai 2000 wurde von der Heilbronner Frauenbeauftragten Silvia Payer auch der Unterländer Runde Tisch gegen häusliche Gewalt ins Leben gerufen, an dem Polizei, Justiz und alle beteiligten Behörden und Beratungsstellen vernetzt sind.

Aktuelle Zahlen
Vergangenes Jahr musste die Unterländer Polizei 436 Mal wegen häuslicher Gewalt ausrücken; in 92 Fällen wurden Platzverweise ausgesprochen. In der ersten Jahreshälfte 2007 waren es 222 Einsätze wegen häuslicher Gewalt und knapp 50 Platzverweise. ff

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