Gefordert: Eine neue Ästhetik für Menschen über 60

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Erfolgsautorin Marianne Koch ermutigt in Heilbronn zum Jungbleiben im Alter

Von Stephanie Günzler
Erleichterte Mienen beim Stimme-Forum in der AOK: Das Alter hat nichts mit Siechtum gemein, jeder hat es selbst in der Hand, wie jugendlich er wirkt. Aber: Er muss auch etwas dafür tun.Fotos: Dittmar Dirks
Erleichterte Mienen beim Stimme-Forum in der AOK: Das Alter hat nichts mit Siechtum gemein, jeder hat es selbst in der Hand, wie jugendlich er wirkt. Aber: Er muss auch etwas dafür tun.Fotos: Dittmar Dirks

Das Alter und im Besonderen alle Mittelchen und Wege, wie selbiges sich möglichst lange vertuschen, verhindern oder hinauszögern lässt, beschäftigt die Menschen mehr denn je. Zumindest in den Industrienationen verdienen Kosmetikkonzerne, Wellnesswelten und Schönheitschirurgen Milliarden mit der Angst vor dem körperlichen Verfall und dem ungezähmten Wunsch nach ewiger Jugend. Äußerlichkeiten spielen dabei die unangefochtene Hauptrolle.

Dabei geht es doch auch anders. „Schönheitsoperationen machen keinen Sinn, wenn dahinter ein lascher, uninteressanter und nicht aktiver Mensch steht“, das ist die Überzeugung der Ärztin und Buchautorin Dr. Marianne Koch. Beim Forum „Gesundheit“ der Heilbronner Stimme und der AOK Heilbronn hingen gestern zwei Mal dreihundert Zuhörer an den Lippen der 75-Jährigen, die allerhöchstens wie 61 aussieht.

Eine „neue Ästhetik für Menschen über 60“ forderte Marianne Koch unter dem Applaus der Anwesenden. „Wir sind auch schön.“ Und sie unterstreicht das mit fundierten wissenschaftlichen Erkenntissen. Diese haben zum Beispiel ergeben, dass es beim Einschätzen des Alters einer Person nicht auf Gesicht, Figur, Kleidung oder Haare ankommt. „Überhaupt nicht!“ Es ist die Art und Weise, wie sich der Mensch bewegt. Hat er einen geraden Rücken und einen ausschreitenden Gang? Oder geht er oder sie gebückt und wacklig?

Wer 75 ist, muss nicht alt sein. Marianne Koch ist der lebende Beweis dafür.
Beweglich bleiben Beweglichkeit hat in der Koch’schen Philosophie vom Jungbleiben im Alter einen sehr hohen Stellenwert. Und zwar nicht nur körperlich, sondern auch geistig gesehen. „Es gibt keinen unvermeidlichen Abbau der Gehirnleistung im Alter“, sagt sie und erntet fragende Blicke. „Bei 100 Milliarden Gehirnzellen macht es nichts aus, wenn ein paar absterben, es kommt darauf an, die 10 000 Verbindungen jeder einzelnen Zelle auf Trab zu halten.“ Und das geht nur durch ständig neue Herausforderungen und Aktivität. Das abgenutzte Stichwort Gehirnjogging benutzt Marianne Koch nicht, dafür hat sie einige hilfreiche Tipps für ihre Zuhörer: Lesen, aber noch viel besser selbst schreiben - zum Beispiel Tagebuch - fördern laut der Medizinerin die Leistungsfähigkeit des Gehirns. Kreuzworträtsel lösen sei zu wenig. Stattdessen schlägt Koch Kopfrechnen vor, addieren, subtrahieren, multiplizieren oder sogar dividieren in der Badewanne oder im Bus. Tanzen oder ein Instrument spielen wirken ebenso gut, weil Kopf und Körper gleichzeitig gefordert werden. Laut Koch absolut tabu: chemische Schlafmittel. Sie machen das Gehirn träge und hindern es daran, nachts die Informationen des Tages abzuspeichern.

Koordination Kopf und Körper zusammen machen das Jungbleiben Koch zufolge aus. Dazu gehöre zum Beispiel, auf feste Knochen zu achten und Osteoporose zu vermeiden. Wie das gelingt? Durch kalziumreiche Ernährung zum Beispiel und Bewegung. Koch empfiehlt Sportarten, die Druck auf das Skelett ausüben und ihm die Nachricht geben, fest zu bleiben - Laufen, Gehen, Nordic Walking oder Radfahren. Und sie gibt dabei keine unrealistischen Ratschläge. Eine halbe Stunde am Tag stramm Spazierengehen sei schon ein Anfang. Knochendichtemessungen hält die Medizinerin ebenfalls für sinnvoll - alle zwei Jahre. Und, ganz wichtig: starke Muskeln behalten. Auch im hohen Alter könne man sie noch trainieren und damit einen großen Beitrag leisten zum jugendlicheren Aussehen des eigenen Körpers. Eine gute Nachricht: Ein zu geringes Gewicht ist nicht gut für das Skelett, weil es dann nichts tragen muss. Allerdings sei das keine Aufforderung, sich Fett anzufressen, denn Übergewicht gehe auf die Gelenke.

Begriffe wie „Best Agers“ oder „Senioren“ versucht Marianne Koch übrigens zu meiden. Sie findet sie „affig“. Und „überalterte Gesellschaft“ erklärt die forsche 75-Jährige zum „Unwort des Jahrzehnts“. Gegen diese Diskriminierung des Alters müsse man sich wehren. Solange man etwas tun kann und geachtet ist in Familie und Freundeskreis, fühlt man sich gut, sagt sie, das Alter spiele dabei keine Rolle. Und dabei ist die quirlige Referentin bei einem letzten Tipp gegen das Altern angekommen: „Soziale Kontakte pflegen ist wichtig.“ Denn, wer sich mit anderen Menschen einlässt, bleibt automatisch aktiv. Marianne Koch ist das beste Beispiel dafür.

Info Mehr zum Stimme-Forum „Gesundheit“ am Mittwoch im Lokalteil und in der Freizeitstimme der Heilbronner Stimme / Hohenloher Zeitung / Kraichgau Stimme.

Zur Person: Dr. med. Marianne Koch

Marianne Koch wird 1931 in München geboren. Nach dem Abitur studiert sie Medizin, unterbricht das Studium jedoch für eine Zwischendurchkarriere als Schauspielerin. 1955 bekommt sie den Bundesfilmpreis für ihre Rolle in „Des Teufels General”. 1971, im Alter von knapp 40 Jahren nimmt Koch ihr Studium wieder auf. Bis 1997 hat sie ihre eigene Praxis als Internistin, arbeitet nebenher als TV-Moderatorin und ist seit 1997 Präsidentin der Deutschen Schmerzliga. Mit medizinischen Ratgebersendungen ist sie im Hörfunk (BR) zu erleben. Inzwischen hat die Mutter zweier Söhne mehrere Gesundheitsbücher veröffentlicht, unter anderem: „Körperintelligenz” (dtv-Verlag). Seit 2002 ist sie Trägerin des Bundesverdienstkreuzes.

 
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