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Heilbronn

Feuerwehrchef lehnt Mode-Clou aus alten Schläuchen ab

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Firma preist einzigartige Taschen und Gürtel aus recycletem Material der Brandbekämpfer an. Feuerwehrkommandant Eberhard Jochim verweist auf Schadstoffe.

Von Carsten Friese
In der zentralen Werkstatt: Leiter Timo Schoch repariert hier Feuerwehrschläuche, die kleinere Risse haben. An die 400 Stück sind es pro Jahr.
In der zentralen Werkstatt: Leiter Timo Schoch repariert hier Feuerwehrschläuche, die kleinere Risse haben. An die 400 Stück sind es pro Jahr.  Foto: Dennis Mugler

Es ist eigentlich eine pfiffige Idee, von einer Kölner Firma mit kernigen Worten angepriesen: „Mit Leidenschaft“ sei der neue Gürtel Bob durchs Feuer gegangen, „unzählige brandgefährliche Einsätze“ hätten ihre Spuren hinterlassen. Aus ausgemusterten Feuerwehrschläuchen bietet die Firma Feuerwear Handtaschen, Gürtel oder Handytaschen an – inzwischen auch in der Region Heilbronn.

Als nachhaltig umweltfreundlich präsentiert die Firma ihre Produkte: Rohstoffe und Ressourcen würden eingespart, da die alten Schläuche sonst als Abfall die Umwelt belasten würden. Und: Für die Produktion werde Ökostrom eingesetzt, der den strengen Richtlinien von Greenpeace entspricht, weist sogar ein TÜV-Zertifikat aus. Eine runde ökologische Sache, so scheint es.

Gefahrgut

Wer wissen will, ob auch die Heilbronner Feuerwehr die neue Modeschiene für ihren Schlauchabfall nutzt, ob man quasi mit Heilbronner Schlauchdesign durch die Straßen wandeln kann, ist überrascht. „Ich würde das nie machen, gebrauchte Schläuche für solche Zwecke abzugeben“, betont Heilbronns Feuerwehrkommandant Eberhard Jochim. An Schläuche hafteten nach Einsätzen immer feine Rußpartikel und eventuell Rückstände von chemischen Stoffen oder Gefahrgut, auch nach einer Reinigung. „Das ist auf jeden Fall nicht gesundheitsfördernd“ – gerade längeren Kontakt mit der Haut sieht er als problematisch an.

Wer ein solches Stück Mode kaufe, „muss es für sich verantworten“. Bei Spielzeug, wundert sich Jochim, mache man sich über eventuell bedenkliche Stoffe in Anstrichen Gedanken. Bei ausgemusterten Feuerwehrschläuchen nicht. „Merkwürdig“ findet er das. Heilbronner Schläuche, die nach Einsätzen nicht mehr zu reparieren sind, wandern in den Hausmüll. Rund 300 bis 400 sind es pro Jahr, berichtet Timo Schoch, der Leiter der zentralen Schlauchwerkstatt. Rund 2500 Schläuche hat die Heilbronner Wehr insgesamt, der größte Teil ist auf den Fahrzeugen.

Reinigung

Nach jedem Einsatz kommen die Wasserleiter aus synthetischem Gewebe in voller Länge in die Schlauchmaschine, werden dort mit Bürsten und Wasser von Schmutz befreit. Es folgt an der Hochdruckpumpe ein Test, ob Risse entstanden sind. Im Schlauchturm dauert es im Schnitt zwei bis drei Tage, bis die langen Leinen im Aufwind getrocknet sind.

Kleine Löcher kann Timo Schoch mit Klebestreifen flicken oder defekte Teile entfernen und die Kupplung am intakten Gewebe neu ansetzen. Sind Risse zu groß, zum Beispiel nach Einsätzen an scherbenreichen Orten, kommt der Schlauch zum Abfall. Der Neuwert eines 20 Meter langen Produkts: rund 150 Euro.
99 Prozent Auf eine gute Nachfrage nach Taschen und Gürteln aus Feuerwehrschläuchen verweist eine Händlerin in der Region. Von Schadstoffrückständen hört sie das erste Mal. So ganz versteht sie die Bedenken nicht. „99,9 Prozent der Kunden, die die Produkte kaufen, sind Feuerwehrleute“ – oder deren Frauen.

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