Deutschlands Langzeithäftling Nummer eins ringt mit dem Tod

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Heilbronn - Noch vor wenigen Wochen war Heinrich Pommerenke voller Lebenswillen. Inzwischen ist der Mann, der seit fast fünf Jahrzehnten in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Heilbronn sitzt, schwer krank. Er leidet wahrscheinlich an Leukämie.
Der Fall Pommerenke ist ohne Beispiel in der deutschen Justizgeschichte, nicht nur, was die Brutalität seiner Verbrechen angeht. Kein Häftling in Deutschland sitzt länger hinter Gittern als der Frauenmörder, den sie Ende der 50er Jahre als „Bestie in Menschengestalt“ jagten.

Von Wolfgang Janisch

Heilbronn - Noch vor wenigen Wochen war Heinrich Pommerenke voller Lebenswillen. „Ich werde 102 Jahre alt. Da bin ich sicher“, sagte der 71-jährige Langzeithäftling einer Reporterin der „Stuttgarter Zeitung“, die ihn in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Heilbronn besuchen durfte. Inzwischen ringt der Mann, der seit fast fünf Jahrzehnten im Gefängnis ist, womöglich mit dem Tod. Er leidet wahrscheinlich an Leukämie, und vor kurzem hat sich sein Zustand akut verschlechtert - er wurde auf die Intensivstation im Vollzugskrankenhaus Hohenasperg gebracht.

Der Fall Pommerenke ist ohne Beispiel in der deutschen Justizgeschichte, nicht nur, was die Brutalität seiner Verbrechen angeht. Kein Häftling in Deutschland sitzt länger hinter Gittern als der Frauenmörder, den sie Ende der 50er Jahre als „Bestie in Menschengestalt“ jagten - es sind genau 49 Jahre und sechs Monate.

Und doch scheint selbst angesichts der schweren Krankheit ein Ende der Dauerhaft nicht in Sicht. Vor vier Jahren stufte ein Gutachter den alten kranken Mann als ungeeignet für eine Entlassung ein, obwohl seine Strafe seit 2001 als verbüßt gilt. Wenig verwunderlich: In all den Jahrzehnten bekam Pommerenke nur wenige Stunden Therapie - das jahrelange Ringen seines Anwalts um weitere Therapie-Angebote scheiterte an der Justizbürokratie.

Therapieprogramm

Vergangenes Jahr schien endlich der Durchbruch geschafft: Pommerenke wurde in die sozialtherapeutische Anstalt auf dem Hohenasperg verlegt - doch wieder einmal zerstob die Hoffnung. Nach einem Dreivierteljahr wurde seine Aufnahme ins Therapieprogramm abgelehnt.

Ende der 50er Jahre hatte Pommerenke, der als Junge mit den späteren Politikern Thomas und Wolfgang Schäuble in Hornberg im Schwarzwald Fußball spielte, die Menschen im Südwesten in Angst und Schrecken versetzt. Vier Frauen ermordete er auf brutale Weise, weitere Mordversuche, Vergewaltigungen, Raubtaten lud er innerhalb eines Dreivierteljahres auf sein Konto. Nur durch einen Zufall wurde er am 19. Juni 1959 gefasst - ein Schneider entdeckte ein abgesägtes Gewehr in einer Aktentasche, die Pommerenke dort hatte liegen lassen. Oder war es Absicht? „Ich hatte keinen Ausweg mehr. Ich wollte verhaftet werden“, sagte Pommerenke vor zwei Jahren.


Der Angeklagte Heinrich Pommerenke, aufgenommen in Handschellen im Schwurgerichtssaal in Freiburg am 3.10.1960


Danach vergingen 34 Jahre, bis er zum ersten Mal wieder einen Fuß vor die Tür des Gefängnisses in Bruchsal setzen durfte, wo er die meiste Zeit seiner Haft verbrachte; eine erste „Ausführung“ in Begleitung eines Beamten sowie seines Freundes Ernst Ergenzinger, eines pensionierten Pfarrers, der seit Jahren Pommerenkes wichtigste Stütze ist. Pommerenke soll auf einem Rasenstück auf die Knie gesunken sein: „Weißt du, wie nasses Gras riecht?“, fragte er seinen Freund.

Es folgten weitere Ausflüge in das Leben außerhalb der Mauern. Einmal durfte er in die Stuttgarter Wilhelma - er wollte ins Schmetterlingshaus. Dort blieb er regungslos eine halbe Stunde lang mit ausgestrecktem Arm sitzen - bis sich ein Schmetterling auf die mächtige Hand setzte. „Jetzt können wir wieder gehen“, beschied der Häftling seine Begleiter.

In einem langen Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur dpa vor zwei Jahren wirkte der massige Mann mit dem wuchernden Bart gesundheitlich angeschlagen, aber geistig präsent. Seine Sprache ist zwar oft undurchdringlich, manchmal formt der Mann, der im Gefängnis fromm geworden ist, geheimnisvolle Sätze wie: „Ich erarbeite den großen Sold zum Tode.“ Doch hinter dem sprachlichen Dickicht kommen überraschende Einsichten zum Vorschein. Seine Lebensfähigkeit in Freiheit müsste zunächst erarbeitet werden, gab er zu bedenken: „Ich möchte nicht entlassen werden, wenn die Frauen vor mir schreiend davon laufen müssen.“

Lebenslang

Allerdings ist die Justiz für einen Häftling wie Pommerenke nicht gerüstet. Dennoch gilt auch für ihn, den sie das „Scheusal vom Schwarzwald“ nannten, das höchstrichterliche Versprechen des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1977, wonach jedem zu lebenslanger Haft Verurteilten „grundsätzlich eine Chance verbleibt, je wieder der Freiheit teilhaftig zu werden“.

1995 befassten sich die obersten Richter sogar konkret mit seinem Fall. Damals litt Pommerenke an Nierenkrebs - die Ärzte gaben ihm maximal fünf Jahre. Woraufhin Karlsruhe urteilte, dass es mit der Menschenwürde unvereinbar wäre, die Chance auf Freiheit auf einen „von Siechtum und Todesnähe gekennzeichneten Lebensrest zu reduzieren“. Anders ausgedrückt: Es gibt ein Recht auf ein würdevolles Lebensende in Freiheit.

Der Totgesagte überlegte damals - und blieb weiter eingesperrt. Jetzt könnte die Justiz erneut vor der heiklen Frage stehen, wie sie die hehren Sätze des höchsten deutschen Gerichts in die Tat umsetzen kann. Denn niemand weiß, wohin mit einem Menschen, der in fünf Jahrzehnten Gefängnis das Leben in Freiheit längst verlernt hat. Altersheime für Langzeithäftlinge gibt es nicht. Und ein normaler Senior wäre für seine Betreuung nicht gerüstet - und würde den verurteilten Mörder kaum aufnehmen.



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