Wie der gelernte Uhrmacher zum preisgekrönten Preisbrecher wurde
Seinen 70. Geburtstag feiert der Heilbronner Unternehmer Hermann Flachsmann heute ohne Rummel mit seiner Frau auf der naturbelassenen Südsee-Insel Bora Bora

Wenn alle nur solche Lehrer hätten! Da wollte der ältere Sohn Martin des Willsbacher Schneidermeisters Flachsmann Uhrmacher werden und der jüngere Sohn Hermann sollte in die Fußstapfen des Vaters treten. Weil Martin keine Lehrstelle fand, wurde er Schneider, während der vier Jahre jüngere Hermann eine Lehre als Uhrmacher absolvierte und dabei einen Gewerbeschullehrer hatte, der ihm den Tipp gab: "Die Zukunft liegt in der Elektrotechnik."
Obwohl der damals 21-jährige Hermann Flachsmann, wie er selbst sagt, "von Elektrotechnik wenig Ahnung" hat, beginnt er 1956 ("Ich allein und mit fast nichts") mit dem Handel von Tonbandgeräten. Das Märchen aus Wirtschaftswunder-Zeiten nimmt seinen Lauf.
Innerhalb von zwei Jahren steigt er zum größten Umsatzträger von Tonbandgeräten in der Bundesrepublik auf, weil er in deutschen Schulen und Kirchen offene Türen einrennt mit dem Argument, ein Tonbandgerät mache sie unabhängig von festgelegten Zeiten im Schulfunk oder der Predigt. Sein Hauptargument aber ist der Preis. Völlig legal unterläuft er die Preisbindung mit dem zulässigen Behördenrabatt von 20 Prozent.
An diesem Erfolgsgeheimnis hält Flachsmann fest, als das elterliche Haus in Willsbach nach zwei Jahren für den blühenden Tonband-Handel zu klein geworden ist und er in der Innsbrucker Straße in Heilbronn nun sämtliche Elektrogeräte ins Verkaufsprogramm aufnimmt. Die Konkurrenz ist hart, der Neuling pfiffig. Während alle anderen den Lavamat von AEG für 2380 Mark verkaufen, bietet Flachsmann den legendären Waschvollautomaten seinen Kunden für 1785 Mark an. Bleibt da bei 25 Prozent Rabatt überhaupt noch ein Gewinn? Rückblickend schmunzelt Flachsmann: "Ich habe gut verdient."
Als erste Mitarbeiterin holt er seine Schwester Erika Wedel für die Buchhaltung. Als im März 1969 der erste Bauabschnitt am Industrieplatz eingeweiht wird, kommt sein Bruder Martin, der Schneider lernen musste, hinzu. Und später noch sein Schwager Werner Wedel.
Der Familienbetrieb boomt. Im Jahr 1975 wird mit 180 Mitarbeitern ein Umsatz von 38 Millionen Mark erwirtschaftet. Drei Mal muss der Standort am Industrieplatz erweitert werden. 1982 folgt der Umzug in eines der modernsten deutschen Elektrohäuser am Europaplatz, wo allein am Eröffnungstag eine Million Mark umgesetzt wird.
Neben dem Heilbronner Stammhaus kommen bis 1989 elf Filialen in Bietigheim, Esslingen, Leonberg, Luwigsburg, Mosbach, Sindelfingen, Böblingen, Sinsheim, Schwäbisch Hall, Fellbach und Stuttgart hinzu. In drei Jahrzehnten ist aus dem Ein-Mann-Betrieb das führende Elektrohandels-Unternehmen in Baden-Württemberg geworden.
Der Preisbrecher krönt mit 54 Jahren sein Lebenswerk mit einem letzten Preiskampf. Drei Angebote liegen ihm vor. Er entscheidet sich für die mächtige Metro-Gruppe, als er 1989 sein Unternehmen verkauft. Wenn er die Entwicklung in den Vereinigten Staaten nicht gekannt hätte, gibt er heute zu, hätte er nicht verkauft. Und: Hätte er damals nicht verkauft, wäre die Firma wohl den Bach runtergegangen, "weil man in dieser Branche als Einzelner keine Chance gegen die Großen hat." Stolz ist er, dass Flachsmann die Nummer 1 im Aera-Einkaufsverband war und im selben Gebäude am Europlatz heute der Media-Markt die Nummer 1 in Deutschland geblieben ist. Stolz und die Erkenntnis: "Zum Können gehört Glück dazu."
Nur zwei Drittel des Jahres lebt er heute in Heilbronn und Dimbach, die vier Wintermonate verbringt er mit seiner Frau Elisabeth in seinem Haus in St. Petersburg in Florida. Vor lauter Schaffen hat er in den Aufbaujahren keine Zeit für das gesellschaftliche Leben gefunden, heute hat er am Nachmittag Zeit für den Golfplatz und seine anderen Hobbies, weil er nach wie vor oft schon um vier Uhr morgens an seinem Schreibtisch sitzt, um sich seinen Gewerbeimmobilien und dem Solarbereich, in dem er große Chancen sieht, zu widmen. Wo der Schreibtisch steht, spiele in Internet-Zeiten keine Rolle mehr.
Und nur über seine E-Mail-Adresse (H.Flachsmann web.de) ist er erreichbar, weil er heute seinen 70. Geburtstag ohne Rummel auf der Südsee-Insel Bora Bora feiert.
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