Wolken über der Trainingsgruppe Sonnenschein
Rodlerin Tatjana Hüfner wirft dem Verband Ungleichbehandlungen der Stützpunkte Berchtesgaden und Oberhof vor

Da holen die deutschen Rodlerinnen am Dienstag im Einer Gold und Silber, doch statt einer rauschenden Feier gibt es Zickenkrieg zwischen Olympiasiegerin Natalie Geisenberger und Tatjana Hüfner, die zudem heftige Vorwürfe gegen den Bob- und Schlittenverband für Deutschland (BSD) äußert. Eine Bestandsaufnahme:
Was ist passiert? Nach dem souveränen Olympiasieg von Natalie Geisenberger sagt Tatjana Hüfner, es gäbe seit Jahren eine Ungleichbehandlung. In der Pressekonferenz legt die Olympiasiegerin von Vancouver nach: "Es wurde gerade mir persönlich schwer gemacht und mir wurden viele Steine in den Weg gelegt. Natalie Geisenberger bekommt deutlich mehr Unterstützung." Als diese Sätze fallen ist die Angesprochene noch in der Dopingkontrolle. Ihr wird danach von dem Eklat berichtet.
Wo liegt das Problem? Seit Jahren schwelt ein Konflikt zwischen den beiden Rodlerinnen, die sich spinnefeind sind, und den Stützpunkten Berchtesgaden/Königssee und Oberhof − eine Ost-West-Problematik. Hüfner passt die Personalpolitik des BSD nicht. Auch hier sieht sie einen Vorteil im Stab der Berchtesgadener Fraktion um Bundestrainer Norbert Loch und Schlittenmechaniker Georg Hackl. Besonders schmerzhaft aus Sicht der 30-Jährigen: Im Sommer 2013 hat sich der Verband von Tatjana Hüfners Oberhofer Trainer André Florschütz getrennt. Nach diversen Vorfällen hat Thomas Schwab mit Florschütz in beiderseitigem Einverständnis einen Aufhebungsvertrag geschlossen. Die Personalie ist zunächst mannschaftsintern, dann im Präsidium diskutiert − und entschieden worden. Details gibt Thomas Schwab keine preis, doch er gibt zu, dass die Situation für Hüfner "nicht günstig war", deswegen könne er die Unzufriedenheit auch nachvollziehen. Es soll schwerwiegende Vorfälle gegeben haben. Schwab betont, der Verband müsse sich keine Vorwürfe machen. Tatjana Hüfner wird in Oberhof nun von Norbert Hahn und Jan Eichhorn betreut.
Die beiden Lager: Das ist einerseits die Trainingsgruppe Sonnenschein aus Berchtesgaden, zu der neben Geisenberger noch Einer-Olympiasieger Felix Loch und die Doppelsitzer Tobias Wendl/Tobias Arlt gehören. Der Name ist eine Dreiteilung Training − Gruppe − Sonnenschein. "Training ist das, wofür wir stehen. Dann sind wir Einzelsportler, haben aber alle begriffen, dass es in der Gruppe wesentlich schöner, einfacher, motivierender ist. Sonnenschein steht einfach für uns", sagt Geisenberger.
Die andere Seite ist der Stützpunkt Oberhof, wo der Trainerstab zuletzt oft wechselte. In naher Zukunft wird der erstklassige Schlittenmechaniker Wolfgang Scholze in Rente gehen, was einen weiteren Verlust für die Thüringer bedeutet. Eine weitere Ost-West-Schieflage befürchtet Thomas Schwab aber nicht. Die Ausschreibung für einen Nachfolger Scholzes läuft.
Wie geht es weiter? Tatjana Hüfner hat noch nicht über ihre sportliche Zukunft entschieden. "Da mache ich mir jetzt keine Stress", sagt die Pädagogikstudentin. Generalsekretär Schwab betont, er verstehe, wenn Athleten ihre Bedenken anmelden, "wir sprechen auch oft darüber, deswegen können Tatjana und ich uns auch gut in die Augen schauen". Er verspricht Zufriedenheit und Ansprechpartner, das Wie lässt er aber völlig offen. Haben die Angriffe denn Geisenbergers Freude über Gold getrübt? "Überhaupt nicht", sagt die Oberbayerin, "sie hat ja eigentlich auch nicht mich angegriffen, sondern den Verband. Und ich bin nicht der Verband." Auch Hüfner betont, die Konkurrentin in keinster Weise angegriffen zu haben. "Ich gönne ihr den Erfolg, sie war definitiv die Beste und hat verdient Gold gewonnen."
Geisenbergers prompter Konter: "Dann haben wir das ja jetzt geklärt, das Thema, oder?" Für ein paar Stunden vielleicht, doch im Hintergrund schwelt der Konflikt weiter.
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